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Diversity

»Betriebsprüfung Kultur«

Mark Terkessidis

Vielheit in der Gesellschaft als gegeben anzuerkennen und als Herausforderung und Gestaltungsaufgabe zu begreifen ist ein Thema, das heute auch Kulturbetriebe beschäftigt. Heterogenität gilt im deutschsprachigen Raum jedoch oft immer noch als negativ. Es geht hier keineswegs um eine romantische Verklärung – Vielfalt bringt häufig auch Konflikte mit sich. Nur wenn Vielheit als Normalität gesehen wird, lassen sich Potenziale und Probleme ebenso erkennen wie Ansätze für Gestaltung, die sich – ausgehend von konkreten Problemen – stets auf das Ganze beziehen sollten.

Dieser Bezug auf das Ganze erweist sich auch deswegen als fruchtbar, weil der Kulturbetrieb in vielerlei Hinsicht ein Problem mit der Bevölkerungsentwicklung hat. Die traditionelle Kulturklientel schrumpft und ist in ihrem Selbstverständnis verunsichert. Im deutschsprachigen Bildungsbürgertum zeigt sich geradezu eine Panik vor dem Verlust der eigenen Deutungsmacht, wenn nicht gar Existenz. In der Praxis ist der Hochkultur offenbar der Faden zum Nachwuchs gerissen. »tfactory«, ein Wiener Trendforschungsinstitut, hat Personen zwischen elf und 39 Jahren nach ihrem Kulturbegriff und kulturellen Interessen befragt. Unter Kultur verstehen die Befragten hauptsächlich die Ausdrucksformen der Hochkultur wie klassische Musik oder Theater. Gleichzeitig geben 95 Prozent der Jugendlichen an, noch nie in der Oper oder im Ballett gewesen zu sein, gerade ein Viertel war einmal im Theater. (1) Der Leiter der Studie erläutert: »Für die meisten jungen Menschen ist die Oper ein altes Haus, wo sich alte Leute alte Sachen anschauen. Für viele ist das etwas, das einem exklusiven Kreis von Erwachsenen quasi ›gehört‹ und wo es halt für Jugendliche keinen Zugang gibt.« (2) Hier stellt sich die relevante Frage, wie der Kulturbetrieb aktuell den Zugang für jene Personen organisiert, die nicht zu diesem exklusiven Kreis gehören und nicht die notwendigen Voraussetzungen mitbringen. Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass es einen enormen Widerspruch zwischen dem Kulturverständnis und der Praxis gibt. Rhetorisch wird ein traditioneller Kulturbegriff beibehalten, während im alltäglichen verhalten Filme, Serien, Computerspiele, Sport und Lifestyle dominieren.

Im Kulturbetrieb werden diese neuen Herausforderungen zur Kenntnis genommen, aber Viele Diskussionen und Maßnahmen laufen immer noch nach der Logik der Integration. Das zeigt sich daran, dass im Zentrum vieler Aktionen – auch vorangetrieben vonseiten der Politik – »kulturelle Bildung« und »Vermittlung« stehen. Das ist nicht falsch, suggeriert aber, dass der Betrieb intakt sei und bloß das Publikum reformbedürftig. Ein oftmals hinsichtlich der Abwesenheit von Personen mit Migrationshintergrund geäußertes Argument besagt, diese Personen hätten schlicht nicht die richtigen Voraussetzungen – sie sprächen zu schlecht Deutsch, schauten nur Privatfernsehen, interessierten sich nur für die »eigene« Kultur. Wenn solche Auffassungen vorherrschen, dienen Bildung, Vermittlung und »Audience Development« offenkundig bloß dazu, »defizitäre Personen« an den Kanon des Bildungsbürgertums heranzuführen. Mit dieser Volte negiert der Betrieb das Problem, dass der eigene Kulturbegriff und -kanon unklar geworden sind.

Denn der Kulturbetrieb ist immanent mit einer »Krise der Repräsentation« konfrontiert. Die Veränderungen im Bereich der Künste seit den 1960er Jahren haben zu einer erheblichen Vervielfältigung von Themen, Formen, kulturellen Milieus und einer enormen Ausweitung des kulturellen Angebots geführt – man könnte durchaus von einer Überproduktion sprechen. Gleichzeitig ist die Verunsicherung gewachsen, die von der Frage der Legitimität herrührt: Wozu ist Kunst da, was sind die Maßstäbe für ihre Förderung und Qualität, wer macht Kunst und wer kommt in ihren Genuss? Zurzeit wird diese Verunsicherung häufig in sehr traditionelle Oppositionen gefasst, in denen die Hochkulturansprüche gegen »Soziokultur« auf der einen und Kommerzialisierung auf der anderen Seite verteidigt werden. Gleichzeitig aber wird im öffentlich geförderten Kulturbetrieb unausgesprochen eine Anverwandlung von Spektakel betrieben, um ein zunehmend an kultureller »Wellness« orientiertes Mittelschicht-Publikum bei der Stange zu halten und mit leichten Formen wie dem Musical konkurrieren zu können. Dabei wäre die Auseinandersetzung mit der Vielheit ein guter Anlass für eine ästhetische Neujustierung. Tatsächlich haben sich bestimmte Richtwerte des kulturellen Schaffens erheblich relativiert: Emanzipation, Bedeutung, Rezeption, Autonomie, Fortschritt, Wissen/Kritik. Zweifellos ist der Kulturbetrieb im deutschsprachigen Raum in einer Erzählung der bürgerlichen Emanzipation verwurzelt. Heute aber lässt sich Kulturproduktion damit nicht mehr sinnvoll vermitteln. Nach Jahrzehnten neoliberaler  Rhetorik gehen die Individuen davon aus, dass sie bereits frei sind – nicht zufällig gilt »opfer« als gängige Beschimpfung.

Im Mittelpunkt steht nicht mehr ein Subjekt, das sich ausdrückt, sondern eher ein Bedürfnis nach kreativer ästhetischer Arbeit, die eine Atmosphäre erzeugt. (3) Viele aktuelle Produktionen aus dem Bereich der populären Kultur lassen sich nicht mehr auf eine kohärente Bedeutung zurückführen, sondern nur als ästhetische Gegenstände verstehen, die teilweise dramatische Erfahrungen ermöglichen. Zudem hat sich der Bereich ästhetischer Arbeit ausgeweitet. Personen mögen sich nicht für Kultur im engeren Sinne interessieren, besitzen dennoch eine ästhetische Praxis, da sie Tag für Tag mithilfe von Mode, Design oder Kosmetik an ihrer individuellen Atmosphäre wirken. Das gering zu schätzen wäre bürgerliches Ressentiment.

Kultur wird daher auch nicht mehr im bildungsbürgerlichen Sinne passiv-geistig rezipiert, sondern in einem Austauschprozess aktiv-affektiv erfahren. Insbesondere Jugendliche drehen Videos, um sie über YouTube zu verbreiten, schreiben und lesen Blogs über Mode, gestalten aufwendige Seiten für soziale Netzwerke. Das Fernsehen, ein klassisch zur Passivität zwingendes Medium, hat in den letzten Jahren auf den eigenen Bedeutungsverlust mit (zweifellos ausbeuterischen) Partizipationsangeboten reagiert: Casting-Shows, Reality-TV etc. In diesen Äußerungsformen zeigt sich auch, dass der Wert der Autonomie nicht mehr zentral gesetzt werden kann – relevant sind aktuell, auch auf Kosten der herkömmlichen Idee von Privatsphäre, Praktiken des Sich-Zeigens und In-der-Öffentlichkeit-Seins. Das Web hat dafür gesorgt, dass heute ein enormes Archiv kultureller Produktion verfügbar ist. Die Individuen leben also in einer kulturellen Sphäre der globalen Gleichzeitigkeit, in der sie Zugriff auf  Versatzstücke der unterschiedlichsten Zeitpunkte und unterschiedlichsten Räume erhalten. Das löst durchaus Gefühle von Überforderung aus. Zugleich haben sich neue Systeme von Peer-to-Peer-Empfehlungen etabliert, häufig beruhend auf Subjektivität und Ähnlichkeit, welche die alte Dominanz von Wissen und Kritik ablösen.

Anstatt diesen Prozessen aber mit vulgäradornitischem Naserümpfen zu begegnen, würde es sich vielmehr lohnen, in ein neues Koordinatensystem zu investieren, das sich an Richtwerten wie Konversation, Atmosphäre, Partizipation, Veräußerung, Gleichzeitigkeit und Affekt orientiert. Schon lange hat sich die Kunst von Objekt und Repräsentation entfernt. Kunst könnte aktuell als Art und Weise begriffen werden, einen Raum zu schaffen, der als Plattform und Labor für unkonventionelles Denken und Gestalten in kollaborativen Formen dient. Selbstverständlich geht es nicht darum, Wissen und Kritik schlicht über Bord zu werfen. Es geht vielmehr um die Frage, wie man angesichts eines viel diskutierten »Affective Turn« (4) das affektive Potenzial von Kunst nutzen kann, um lernen und Veränderung zu befördern. Tatsächlich sind Wissen und Kritik weiterhin vor allem von der körperlichen Erfahrung getrennt, was die habituellen Codes von Schichtzugehörigkeit unterstreicht.

Wenn es um Bildung und Integration geht, sind die Ansprüche der Politik an den subventionierten Kulturbereich häufig instrumentell – der Kulturbereich soll die Defizite des Schulbetriebs nacharbeiten. Wie muss ein Kulturbetrieb beschaffen sein, in dem nicht mehr scheinbar autarke Künstlerwahlweise einfindet oder durch »kulturelle Bildung« und »Vermittlung« entsprechend vorbereitet wird? Ein Kulturbereich, in dem die Produktionen von vornherein über ihr Verhältnis zum Publikum, ihre Bildungsaufgabe und die Art der Vermittlung nachdenken? Es stellt sich auch die Frage nach einer Schule, die Wissenserwerb und künstlerische Praxis zusammendenkt. Die Auflösung der starren Grenzen kann den Kulturbetrieb als Ort etablieren, der das Selbstverständnis der Gesellschaft im Sinne von Orientierung für die Individuen neu aushandelt.

(1) Keine Lust auf Hochkultur, Wiener Zeitung, 29.2.2012.

(2) Ebd.

(3) vgl. Gernot Böhme: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995.

(4) vgl. Melissa Gregg/Gregory J. Seigworth (Hg.): The Affect Theory Reader, Durham/London: Duke University Press 2010.

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Mark Terkessidis lebt als freier Autor in Berlin und Köln. Er veröffentlicht Beiträge zu den Themen Jugend- und Populärkultur, Migration und Rassismus u.a. 2011/2012 war er Fellow am Piet Zwart Instituut der Willem de Kooning Akademie Rotterdam.2012/2013 ist er Lehrbeauftragter an der Universität St Gallen. Zuletzt veröffentlichte er „Interkultur“ im Suhrkamp Verlag.

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