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Diversity

Kultur für wenige

Norbert Sievers

Die aktuelle Kulturpolitik legt verstärkt neue Programme der kulturellen Bildung auf, um neues Interesse für Kultur zu generieren und damit die Basis für kulturelle Teilhabe zu schaffen. Wie erklärt sich dieser Aktivismus? Befinden wir uns seit Hilmar Hoffmanns Diktum »Kultur hat Konjunktur« (1979) hinsichtlich der Bedeutung des Kulturellen nicht ohnehin in einer dynamischen Aufwärtsspirale, die geradewegs in die Kulturgesellschaft führt, sodass sich niemand um das Publikum und die Nutzer der öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen Sorgen machen muss? offensichtlich gibt es derzeit gravierende Bedenken gegenüber dem Realitätsgehalt dieser These. Schon 2005 hat die Kulturpolitische Gesellschaft (1) einen Perspektiv- und Strategiewechsel von der angebots- zur nachfrageorientierten Kulturpolitik gefordert, weil sie befürchtete, dass es Einbrüche bei der kulturellen Teilhabe geben könne. Ergebnisse der empirischen Kulturforschung geben ihr Recht.

Stagnation der kulturellen Teilhabe

Auch wenn die Forschungslage zur kulturellen Beteiligung eher bescheiden ist, so kann doch festgestellt werden, dass die Vorstellung eines ständig wachsenden Kulturinteresses in der Gesamtbevölkerung in Deutschland – jedenfalls was die aufgewendete Zeit für kulturelle Aktivitäten im engeren Sinne betrifft – empirisch nicht belegt werden kann. So haben etwa die Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes in den Jahren 1991/92 und 2001/02 ergeben, dass es in dieser Zeit kein signifikantes Wachstum der kulturellen Teilhabe gegeben hat. (2) Im internationalen Vergleich ist offenbar sogar ein geringerer Zeitaufwand für kulturelle Aktivitäten im engeren Sinne zu beobachten. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als sich die Voraussetzungen für kulturelle Partizipation – mehr Kaufkraft, mehr Freizeit, höhere formale Schulabschlüsse und ein überproportional gewachsenes Angebot – in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert haben. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen hat also offenbar nicht oder nicht mehr zu einer allgemein wachsenden kulturellen Beteiligung geführt – jedenfalls nicht in der Größenordnung, die der erreichten Fülle und Vielfalt des mit öffentlichen und privaten Mitteln bereitgestellten Kulturangebotes entsprechen würde. Für die Kulturpolitik ist dieser Sachverhalt, sollte er sich empirisch erhärten lassen, mehr als irritierend, weil sie in ihrem angebotsorientierten Selbstverständnis stets von einem ständig wachsenden Kulturinteresse ausgegangen ist. Sie muss jedoch zur Kenntnis nehmen, dass das kulturelle Interesse eine knappe Ressource ist, um die sich viele Anbieter bemühen. Die Ausweitung des öffentlichen Kulturangebotes im Zuge der neuen Kulturpolitik der letzten drei Jahrzehnte, die Konkurrenz der privaten Akteure im Freizeit- und Kulturbereich und vor allem die Aufmerksamkeit, die die Medien an sich binden, haben eine neue Situation geschaffen: Die Wahlmöglichkeiten der potenziellen KulturnutzerInnen sind enorm gestiegen. Die Folge ist, dass das Interesse an Kultur nicht nur vermehrt, sondern durch den zunehmenden Wettbewerb auch geteilt und auf die verschiedensten privaten und öffentlichen Offerte der Freizeitgestaltung neu verteilt wird. Dem quantitativen Wachstum und der Vielfalt der Kulturangebote steht heute eine intensivierte und differenzierte Nachfrage gegenüber, aber nicht unbedingt eine Vermehrung der NutzerInnen insgesamt. Es gibt zwar mehr Besuche (vor allem der großen Kultureinrichtungen und populären Kulturevents), aber nicht unbedingt mehr BesucherInnen, was die Kulturstatistik in der Regel verschweigt. Die Folge ist, dass eine Vielzahl von Kultureinrichtungen gut besucht ist, während in anderen zum Teil gähnende Leere herrscht.

Soziale Selektivität der kulturellen Teilhabe

Allein aufgrund dieser Tatsache liegt es im Eigeninteresse der Kulturpolitik, sich mit ihrer Angebotsorientierung auseinanderzusetzen und die Frage zu stellen, wie weitere Nachfrage generiert werden kann. Der dafür notwendige Perspektivenwechsel empfiehlt sich auch aus der nach wie vor vorhandenen sozialen Selektivität der kulturellen  Beteiligung, der mit dem Slogan »Kultur für alle« bereits in den 1970er Jahren der Kampf angesagt worden war, ohne allerdings eine durchschlagende Wirkung zu entfalten. Noch immer bleibt die Hälfte der Menschen außen vor, und nur 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung bilden den verlässlichen Kern der Vielnutzer. Dabei gibt es nach wie vor einen klaren Zusammenhang zwischen Bildung, Sozialstatus und kultureller Beteiligung. Die »kulturelle Spaltung« (3) zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern kultureller Einrichtungen nimmt sogar zu und nicht etwa ab. Bildung ist dabei ein wesentlicher Indikator: Das Kulturpublikum ist ein Abiturpublikum. Unter den Nichtbesuchern sind Hauptschulabsolventen mit 48 Prozent viermal so häufig vertreten wie unter den Besuchern. (4) Besonders bei den jungen Menschen finden sich nur noch Gymnasiasten unter den Besuchern von Theatern, Konzerten und Museen, also den Einrichtungen der Hochkultur. Bildung ist jedoch nicht die einzige Voraussetzung für kulturelle Beteiligung, die familiäre Sozialisation und das Herkunftsmilieu spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wer in frühen Jahren nicht mit Kunst und Kultur in Kontakt kommt und wem dies nicht vorgelebt wird, kann das später nur schwer kompensieren. Dabei zeigen die Daten, dass diese Milieus sozialstrukturell vor allem im unteren Bereich der Einkommensskala angesiedelt sind. Der Zusammenhang von sozialer Exklusion und kultureller Ausschließung verfestigt sich, und dies – relativ gesehen – paradoxerweise umso mehr, je mehr Angebote geschaffen werden. Die Erfahrung zeigt, dass Vielnutzer eher bereit sind, neue Angebote zusätzlich wahrzunehmen, als dass Nichtnutzer überhaupt den Zugang zur Kultur finden.

Perspektiven der kulturellen Teilhabe

Die Tatsache, dass das kulturelle Interesse der Bevölkerung offenbar nicht mit dem Angebot gewachsen ist, und der Fakt der sozialen Selektivität vor allem bei Hochkulturangeboten stellen keine bequeme Ausgangslage für die Kulturpolitik dar, die ihre Ausgaben für die Kultureinrichtungen und -programme angesichts leerer Kassen immer mehr zu rechtfertigen hat. Hinzu kommt, dass sich die Situation in ihrem Kerngeschäft weiter zuspitzen wird. verantwortlich dafür ist ein Strukturwandel in der Gesellschaft, der dazu führen könnte, dass der Kulturpolitik mehr und mehr die sozialstrukturelle Basis abhandenkommt, wenn sie nach wie vor auf das Bildungsbürgertum als zentrale Referenzgruppe setzt. Gemeint ist der demografische und sozioökonomische Strukturwandel: Wir werden weniger, älter und bunter – und viele Menschen werden vor allem ärmer. Vier Anmerkungen dazu:

1
Die »Konzerte im Silbersee« sind schon sprichwörtlich und begründen langsam auch ein Fracksausen in den Chefetagen der Kulturpolitik. Die Klassik-Anbieter, insbesondere die Konzert und Opernhäuser, sind von der Überalterung oder Unterjüngung des Publikums besonders betroffen. In nicht wenigen Einrichtungen sind über 70 Prozent des Publikums über 50 Jahre alt. In den Konzerthäusern liegt der Altersdurchschnitt bei 57 Jahren. Bei den Opernbesuchern (wenigstens ein opernbesuch pro Jahr) hat sich der Anteil der unter 40-jährigen Besucher seit Mitte der 1960er Jahre bis zum Jahr 2005 von 58 Prozent auf 26 Prozent halbiert, wie der 8. Kulturbarometer des Zentrums für Kulturforschung ausweist. Aber nicht nur hier schillert es silbergrau. Fast überall im Kulturbereich prägen heute ältere und alte Menschen das Bild des Kulturpublikums, es sei denn, das Programm richtet sich explizit an jüngere Leute.

2
Auch die Schrumpfung der Bevölkerung ist ein Thema der Kulturpolitik geworden, und dies aus guten Gründen. Wer glaubt, der prognostizierte Bevölkerungsrückgang könne kulturpolitisch als »Alarmismus« abgetan werden und hätte keinen Einfluss auf die kulturelle Beteiligung und die Auslastung der Kulturinstitute, betreibt Realitätsverweigerung. Der zu erwartende Bevölkerungsrückgang wird auch zu einer Schrumpfung des Kulturpublikums führen, wenn auch regional und sektoral in verschiedener Weise. Wer zur Kenntnis nimmt, dass mancherorts ab 2015 nur noch eine »halbierte« Generation ins potenzielle Elternalter kommt, (5) muss kein Mathematiker sein, um sich vorstellen zu können, was dies für die Kultureinrichtungen mittel- und langfristig bedeutet.

3
Hinzuweisen ist auch auf den steigenden Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund.  Schon heute haben wir in etlichen Großstädten Anteile von 25 Prozent und mehr. In einigen Jahren werden 50 Prozent der unter 25-Jährigen in den Ballungsräumen einen Migrationshintergrund haben. MigrantInnen sind jedoch in unseren Kultureinrichtungen, von Ausnahmen abgesehen, so gut wie nicht präsent. Dies liegt auch daran, dass die deutsche Kulturpolitik an einem überkommenen Begriff kultureller Öffentlichkeit festhält und nach wie vor auf das klassische Bildungsbürgertum fokussiert ist. Deshalb werden auch in Zukunft die Mitbürger mit Migrationshintergrund im Publikum der öffentlichen Kultureinrichtungen eine Minderheit bleiben, obwohl sie in vielen Städten in zehn oder zwanzig Jahren die Mehrheit bilden werden.

4
Auch die sozioökonomische Entwicklung hat Einfluss auf die kulturelle Teilhabe, weil sich die soziale Situation der ehemals breiten Mittelschicht verschlechtert. Die Schere zwischen »arm« und »reich« öffnet sich in Deutschland immer weiter. Im Jahr 2005 besaßen 50 Prozent der Haushalte nur knapp 4 Prozent des gesamten Nettovermögens, während 47 Prozent dieses gesamten Vermögens den reichsten 10 Prozent der Haushalte zuzurechnen waren. (6) Zehn Millionen Menschen sollen einen Anspruch auf Hartz IV oder Sozialgeld haben. Diese Menschen können sich Theater- oder opernkarten schlichtweg nicht mehr leisten, wenn sie sie sich jemals leisten konnten oder wollten. Diese materielle Exklusion ist keine gute Voraussetzung für ein Wachstum der kulturellen Beteiligung und lässt sich auch nicht mehr durch die IntensivnutzerInnen kompensieren.

Schlussbemerkung

Die beschriebenen Probleme und Anmerkungen sind nur einige Indizien dafür, dass Kulturpolitik sich neu »erfinden« muss, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Sie muss zur Kenntnis nehmen, dass sich ihre sozialstrukturelle und sozioökonomische Grundlage verändert hat, und sollte sich ihres öffentlichen Auftrags neu erinnern. Dabei kann es hilfreich sein, auch alte Schriften und Programmsätze zu studieren, um sich unerledigter Agenden zu entsinnen. Das Bürgerrecht Kultur ist ein solches Desiderat. Es kommt darauf an, die damit verbundene Idee der kulturellen Chancengleichheit im Bewusstsein der kulturpolitischen Akteure und in der kulturellen Praxis wieder stark zu machen und ihr mehr Geltung zu verschaffen, anstatt sich zur Komplizin einer gesellschaftlichen Entwicklung zu machen, in der die Schere zwischen »arm« und »reich« und damit auch zwischen Kulturnutzern und Nichtnutzern immer weiter geöffnet wird. Nicht immer hat man den Eindruck, dass die Kulturpolitik diesen Ratschlag beherzigt.

(1)  Die Kulturpolitische Gesellschaft ist ein bundesweiter Zusammenschluss kulturpolitisch interessierter und engagierter Menschen aus den Bereichen Kulturarbeit, Kunst, Politik, Wissenschaft, Publizistik und Kulturverwaltung. Sie bildet keinen berufsständigen Interessenverband und ist an keine Partei, Kirche oder Gewerkschaft gebunden. Sie will neue Leitbilder und Zielsetzungen für Kulturpolitik entwickeln.

(2)  Siehe Manfred Ehling: Zeit für Freizeit und kulturelle Aktivitäten. Ergebnisse aus Zeitbudgeterhebungen, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2005, S. 87–97, hier S. 95.

(3)   Horst W Opaschowski: Wachstumsgrenzen des Erlebnismarktes. Folgen für die Kulturpolitik, in: Kulturpolitische Gesellschaft (Hg.): publikum.macht.kultur. Kulturpolitik zwischen Angebots- und Nachfrageorientierung, Dokumentation des 3. Kulturpolitischen Bundeskongresses, Bonn/Essen: Klartext Verlag 2006, S. 256–269, hier S. 260.

(4)   Ebd.; vgl. auch Susanne Keuchel: Das (un)bekannte Wesen – Analysen des Kulturpublikums, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2006, S. 54–66

(5)   Siehe Rainer Klingholz: Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Arbeit der deutschen Museen, in: Museumskunde, Bd. 71, 2/2006, S. 40–45, hier S. 41.

(6)   Siehe Jens Berger: Mogelpackung Armutsbericht, www.spiegelfechter.com, 25.6.2008

________________

Norbert Sievers studierte Soziologie. Er ist Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. (inkl. IfK, Cultural Contact Point und Kontaktstelle EfBB). Darüber hinaus ist er Geschäftsführer des Fonds Soziokultur und ständiger Gast im Kulturausschuss des Deutschen Städtetages sowie Mitglied des Vorstandes des Hauses der Kultur. www.kupoge.de

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