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Diversity

Die Dynamik von Kultur in der pluralen Gesellschaft

Kulturelles Erbe, Erinnerungskultur und Zukunftsperspektiven
Hans-Joachim Ruile

»Alle Kulturen sind ineinander verstrickt; keine ist vereinzelt und rein, alle sind hybrid, heterogen, hochdifferenziert und nicht monolithisch.« (Edward Said)

Durch den Prozess der Individualisierung, durch Migration und Globalisierung erfahren unsere Gesellschaften eine bisher nie da gewesene Pluralisierung. Die Fragmentierung unserer Stadtgesellschaften stellt uns vor die zwingende kulturpolitische Aufgabe, Wege der Verständigung und des Dialogs in dieser von Vielfalt gezeichneten Wirklichkeit zu entwickeln. Bei der Vermittlung interkultureller Kompetenz im Umgang mit Vielfalt, der Grundvoraussetzung für das Zusammenleben in der pluralen Gesellschaft, haben kulturelle Bildung, Erinnerungskultur und Kunstvermittlung eine wichtige Brückenfunktion. Diversity wird auch im Kulturbetrieb, egal ob in den öffentlich geförderten Kultureinrichtungen oder in der Kreativwirtschaft, zu einem bestimmenden Merkmal.

Das ideologische Leitmotiv sogenannter kultureller Homogenität von Nationalstaaten oder von Regionen gehört zunehmend der Vergangenheit an. Kosmopolitismus, vielfältige Lebensstile, postnationale Identitäten, europäische und transnationale Perspektiven bekommen auch in den Kunstszenen und Kultureinrichtungen, der Kulturproduktion und Kulturrezeption in Deutschland zunehmend mehr Gewicht. Dabei sind gerade die Bewahrung des kulturellen Erbes und die Pflege der unterschiedlichen Erinnerungskulturen in unseren durch Migration gewandelten Städten die notwendigen Voraussetzungen für das gleichberechtigte Zusammenleben. In diesem Kontext spielt die Entwicklung von neuen komplexen Zukunftsperspektiven der kulturellen Bildung, von der Traditionspflege bis zur Gegenwartskunst, eine zentrale Rolle.

Es gilt dabei, transkulturelle und transnationale Ansätze gerade im Bereich der Kunstvermittlung und der kulturellen Bildung in Kohärenz mit der Bewahrung der jeweiligen kulturellen Identität und unterschiedlichen künstlerischen/kulturellen Traditionen zu erproben. Dabei zu berücksichtigen sind gleichzeitig der postmoderne Ansatz des »sowohl als auch«, also das Nebeneinander, Durcheinander und das eventuelle Miteinander von Unterschieden und Widersprüchen, und die Akzeptanz von Heterogenität. Dies bedeutet eine Neuausrichtung der Kulturpolitik und Neukonzeptionen in den Bereichen der Wahrung von Traditionen, der  Erinnerungskultur, der interkulturellen Öffnung der Kultureinrichtungen und des internationalen Kulturaustauschs. Dabei kann gerade die kulturelle Bildung den kompetenten und kreativen Umgang mit kultureller Heterogenität befördern und so den gegenseitigen Respekt in der fragmentierten Stadt vermitteln.

Die Anerkennung der Prozesshaftigkeit und des Wandels von Kulturen im Kontext von Migration und Globalisierung bei gleichzeitiger Akzeptanz von Tradition und Erinnerung ermöglicht multiperspektivische Erlebnis- und Vermittlungsansätze im Bereich kultureller Bildung, ohne ethnisierende und kulturalistische Aspekte. All dies ist übrigens gelebter Alltag in Europa – man muss diesen nur in unseren Bildungs- und Kultureinrichtungen endlich zur Kenntnis nehmen. Ein Beispiel gelebter urbaner Vielfalt ist das »Festival der 1000 Töne – Friedensstadt Augsburg. Die Plattform für künstlerische Projekte und kulturpolitische Perspektiven in der vielkulturellen Stadt«. Mit dem Festival gehört das Kulturhaus Kresslesmühle zu den »365 Orten im Land der Ideen«. Die Auszeichnung wird gemeinsam von der Standortinitiative »Deutschland – Land der Ideen« und der Deutschen Bank vergeben; die Preisträger gehen kreative Wege, setzen Ideen erfolgreich um und fördern Innovationen. Durch das Festival wird die moderne »Augsburger Vielfalt« mit der Neuinterpretation des inhaltlichen Kerns des Augsburger Religionsfriedens »Parität und Partizipation« sinnlich erfahrbar und gleichzeitig diskursiv erarbeitet. Das Programm des Festivals beschäftigt sich mit künstlerischen, kulturpolitischen, soziokulturellen und theoretisch-wissenschaftlichen Fragen von Vielfalt in der Stadtgesellschaft. Als künstlerische Plattform der unterschiedlichen kommunalen Kulturinstitutionen und als Netzwerk der vielen bürgerschaftlichen Kulturinitiativen mit und ohne Migrationshintergrund sucht das »Festival der 1000 Töne« nach den Perspektiven und Konzepten von Kunst und Kultur in der vielkulturellen Stadt der Gegenwart und der Zukunft. Die »neue« und nicht mehr revidierbare Pluralität in Augsburg erhält dadurch eine starke Stimme und verleiht der Forderung nach interkulturellem Dialog, nach gesellschaftspolitischer Inklusion und nach Anerkennung des Unterschiedlichen einen starken symbolischen Nachdruck. Gleichzeitig bietet es den unterschiedlichen Gruppen und AkteurInnen eine bürgerschaftliche Plattform der kulturellen Selbstdarstellung, künstlerischer Mitwirkung und politischer Teilhabe.

Konzerte aus Volksmusik, Klassik, Jugendkultur, Weltmusik, Theater, Kabarett, Tanz, Literatur, Performances, Workshops und Tagungen garantieren einen vielfältigen und anspruchsvollen Programm-Mix und eine Verknüpfung von globalen Trends und ihren lokalen Ausprägungen im Spannungsfeld zwischen Erinnerungskultur und interkulturellem Austausch, zwischen Traditionspflege und Transkulturalität, zwischen Hochkultur und Populärkultur und zwischen »bürgerlicher leitkultur« und »Multikulti«. Als eindrückliches Beispiel ist hier das interkulturelle Tanztheater Projekt »Rap For Peace« zu nennen: Seit 2006 erarbeiten das Ballett des Theaters Augsburg und der Stadtjugendring Augsburg auf Anregung des Kulturhauses Kresslesmühle gemeinsam mit Jugendlichen der Augsburger Street-Art-Szene für das Theater Augsburg mit großem Erfolg Tanztheaterstücke. Breakdance, Rap und Graffiti kommen dabei gleichberechtigt neben den Körpersprachen des Balletts zur Geltung. Das Festival soll im Sinne eines modernen, urbanen Kulturbegriffs vor allem als Mittler zwischen den vielfältigen kulturellen und sozialen Wirklichkeiten dienen und so im Rahmen der Augsburger Integrations- und Friedenskonzepte als Allianz zwischen Kultur-, Sozial- und Bildungspolitik lokale künstlerische und soziokulturelle Potenziale wahrnehmen, aufgreifen und befördern. Dabei haben kommunale Kultureinrichtungen einen zentralen Stellenwert. Seit 2009 beteiligen sich die Augsburger Philharmoniker jährlich mit einem eigenen Sinfoniekonzert – jeweils mit einer spezifischen interkulturellen Ausrichtung. Es geht sowohl darum, neue Formen zu erproben, ein verändertes Publikum für die Zukunft zu erreichen, als auch um die künstlerische interkulturelle Öffnung des Orchesters selbst. Die komplexe Neuausrichtung der konventionellen Kultureinrichtungen durch Kooperationen mit KünstlerInnen aus anderen Kulturen und anderen künstlerischen Hintergründen, Milieus und Szenen wird auf diesem Weg kreativ und spielerisch vermittelt. Im Mittelpunkt steht ein dynamischer Kulturbegriff, der nicht ausschließlich musikalische Traditionen, Folklore und ethnische sowie kulturelle Besonderheiten, sondern auch den Wandel der Kulturen und der Künste sehr stark dokumentiert. Die zeitgenössische städtische Vielfalt wird auch durch populäre großstädtische Crossover-Musikformen, »subkulturelle« Jugendszenen und den Dialog mit der institutionalisierten »Hochkultur« in ihrer Kakophonie berücksichtigt.

Das Kulturvermittlungsprojekt für Neue Musik »MEHR MUSIK!« leistet beispielsweise seit mehreren Jahren unter dem Titel »Der Klang der Stadt« sehr eigenständige inter- und transkulturelle Beiträge. Auf unterschiedliche Art und Weise setzen sie sich mit den vielfältigen »Tönen« der heterogenen Stadt auseinander. Die Reihe »Zukunft(s)musik« thematisiert in einem eigenen Beitrag – auf internationalem Niveau im Kontext zeitgenössischer Musik – die Herausforderungen der globalisierten und vielkulturellen Gesellschaften.

Des Weiteren finden jährlich Crossover-Projekte von Augsburger Jazzformationen mit MusikerInnen aus anderen Kulturen oder Musikszenen statt. 2011 arbeiteten Walter Bittners »Zakedy Music« mit Darioush Shirvani und Seref Dalyanoglu und die Uni Big Band mit Augsburger HipHop- AkteurInnen und RapperInnen zusammen.

Die komplexe und häufig vernischte Kulturleistung der modernen Stadt wird so veröffentlicht und dient ganz in der Tradition der Friedensstadt Augsburg der »Zivilisierung der vielen Differenzen« im Sinne von Parität und Partizipation. vor dem Hintergrund eines »neuen« Gemeinsinns werden so durch gesellschaftliche Anerkennung und kulturelle Inklusion die zentrifugalen Kräfte der segmentierten Stadt kompensiert und deren wegweisende Ressourcen erkannt. Ergänzend und vor allem alternierend zu konventionellen Integrationsentwürfen dient hier die Kultur als Mittel zur Teilhabe und als  demokratische Kraft bei der friedlichen Gestaltung der Vielfalt.

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Hans-Joachim Ruile studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er war von 1977 bis 2013 Geschäftsführer des Kulturhauses Kresslesmühle Augsburg und verantwortlich für das Augsburger Altstadtfest, das Theaterfestival La Piazza, das Festival der 1000 Töne und die Interkulturelle Akademie Augsburg. Zahlreiche Jury- und Vortragstätigkeiten im In- und Ausland. www.kresslesmuehle.de

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