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Erkenntnisprozesse| Processes of Insight

Birgit Mandel

Kunst und Kultur können Sprach- und Mentalitäts-Grenzen überwinden und Gemeinschaft stiften. Kunst kann aufgrund ihres utopischen Charakters und ihrer Emotionalität in besonderer Weise zu nachhaltigen Erkenntnisprozessen anregen.

Optimistisch in die Zukunft geschaut, wird das relativ neue Interesse von Politik und Kulturbetrieb am Thema „Kulturelle Bildung und Kulturvermittlung“ kein vorübergehender Trend sein, sondern kulturelle Bildung wird als eine Schlüsselfunktion der Gesellschaft im Kulturbetriebs- und Bildungssystem fest verankert werden.

Lange Jahre wurde in Ländern wie Deutschland und Österreich kulturpolitisch nach dem Prinzip künstlerischer Produktionsförderung gehandelt, während die Rezeptionsseite kaum beachtet wurde. Der Staat unterhielt ein breites Netz an (Hoch-)Kulturinstitutionen, das von einer sehr kleinen, hoch gebildeten und zumeist besser verdienenden Elite genutzt wurde, während die Mehrheit der Bevölkerung nicht teil hatte am öffentlich finanzierten Kulturangebot. Dieses Prinzip öffentlicher Kulturförderung ist an seine Grenzen gekommen, zum einen dadurch, dass mit dem Bedeutungszuwachs der Kulturwirtschaft und der Creative Industries der Staat sein Monopol der Kulturförderung verliert und öffentlich geförderte Institutionen ihren Mehrwert zunehmend unter Beweis stellen müssen, zum anderen und vor allem deswegen, weil große gesellschaftliche Probleme auch den Kultursektor herausfordern, sich mit seinem spezifischen Potential einzubringen. Kulturpolitik ist gefordert, ihren Einflussbereich neu zu definieren und sich zu fragen, wie Kunst und Kultur im gesellschaftlichen Zusammenleben eine integrative, Lebensqualität erhöhende Rolle für jeden einzelnen spielen können. Kulturelle Partizipation beinhaltet dabei nicht nur die Sicherung ausgebuchter Theater- und Konzertsäle, sondern auch die Beteiligung unterschiedlicher sozialer Gruppen am kulturellen Leben.

Angesichts gesellschaftlicher Spaltungstendenzen, der wachsenden Probleme der Integration von Migranten und einer zunehmenden Abkehr vor allem bildungsferner gesellschaftlicher Gruppen vom öffentlichen und kulturellen Leben, stellt sich die Frage, wie mit kulturellen Unterschieden produktiv umgegangen und Kunst als integrative Kraft genutzt werden könnte.

Kunst und Kultur können Sprach- und Mentalitäts-Grenzen überwinden und Gemeinschaft stiften. Kunst kann aufgrund ihres utopischen Charakters und ihrer Emotionalität in besonderer Weise zu nachhaltigen Erkenntnisprozessen anregen. Aus künstlerischen Erkenntnissen entstehen kulturelle Werte, die in die Gesellschaft integrierend zurückwirken. Um das Potential zu nutzen, ist es jedoch notwendig, einen elitären, engen Kulturbegriff zu überwinden und Kunst und Kultur sehr viel stärker als bisher mit anderen gesellschaftlichen Bereichen zu vernetzen, Brücken zu bauen zwischen Kunst und dem Alltagsleben vieler Menschen, aufzuzeigen, warum Kunst Relevanz im Leben jedes einzelnen haben könnte und Menschen anzuregen, ihr eigenes kreatives Potential in die Gestaltung der Gesellschaft einzubringen.

Angesichts eines wachsenden Bedarfs an Menschen, die kreativ, innovativ und eigenständig denken und handeln können, müsste kulturelle Bildung zu einer Schlüsselkompetenz werden.

Die wichtigste Instanz, um diese Ziele zu realisieren, ist die Schule, denn nur über die Schule lassen sich alle Mitglieder einer Gesellschaft erreichen und zwar in einem Alter, in dem sie besonders offen für neue Erfahrungen und Selbstbildungsprozesse sind. Dafür ist es notwendig, kulturelle Bildung in der Schule verpflichtend zu verankern und durch professionelle Kulturvermittler und Künstler umzusetzen und zwar als einen nicht benoteten Bereich über die Kunstfächer hinaus.

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Birgit Mandel
Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung, Universität Hildesheim

For English version see below.

Art and culture can overcome barriers of language and mentality and generate a sense of community. Due to its utopian character and its emotionality, art has a special capacity to initiate long-term processes of insight and understanding.

Looking at the future optimistically, the relatively new interest taken by the political and cultural spheres in the subject “cultural education and cultural mediation” will not be a passing trend; cultural education will become an integral part of the cultural and education systems as a key function of society.

For many years, in countries such as Germany and Austria, cultural policy tended to be based on the principle of promoting artistic production, whereas the reception side of the coin was given almost no attention. The state maintained a broad network of institutions of (high) culture that were utilised by a very small, highly educated elite, usually with substantial incomes, whereas the majority of the population did not participate in the range of publicly financed cultural activities. This principle of public cultural funding and support has reached its limits, partly because, due to the increased significance of creative industries, the state is losing its monopoly as far as cultural promotion is concerned and publicly funded institutions are increasingly being expected to prove their value, and also – and primarily – because serious problems of society are also challenging the cultural sector to contribute its specific potential. Cultural policy is having to redefine its scope of influence and to ask itself how art and culture can play an integrative and life-quality-enhancing role in the life of every individual in society. From this perspective, cultural participation is not only a means of providing for sold-out theatres and concert halls, but also encompasses the participation of various social groups in cultural life.

In view of the divisional tendencies in society, the growing problems related to the integration of migrants, and an increasing renunciation of public and cultural life, above all by less educated social groups, the question arises as to how cultural differences can be dealt with productively and how art can be utilised as an integrative force.

Art and culture can overcome barriers of language and mentality and generate a sense of community. Due to its utopian character and its emotionality, art has a special capacity to initiate long-term processes of insight and understanding. Artistic insights generate cultural values that have an integrative effect on society.

In order to utilise this potential, however, we need to overcome an elitist, narrow conception of culture and connect art and culture much more strongly than before with other areas of society, to build bridges between art and the everyday life of many people, to point out why art can have relevance in the life of every individual, and to encourage people to contribute their own creative potential to building our society.

In view of the growing need for people who think and act creatively, innovatively and independently, cultural education ought to become a key competence.

The most important level at which this goal can be realised is that of the schools, for it is only through the schools that all members of a society can be reached, moreover at an age at which they are particularly open to new experiences and processes of self-education. This requires that cultural education be made an integral part of the school curriculum and that it be implemented by professional cultural mediators and artists as a non-graded area that goes beyond the school subject of “art”.

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Birgit Mandel
Professor of Cultural Management and Cultural Mediation, University of Hildesheim

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