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Soziale Inklusion durch Berufsbildung

Lida Kita

Die europäische Stiftung für Berufsbildung (ETF, European Training Foundation) ist eine Agentur der europäischen Union, die die europäische Kommission und 30 Partnerländer bei ReformMaßnahmen im Bereich der Entwicklung von Humankapital berät und unterstützt sowie Reform- und Entwicklungsländern dabei hilft, das Potenzial ihres Humankapitals durch Systemreformen in den Bereichen Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt zu entfalten.

Soziale Inklusion und Chancengerechtigkeit haben sich dabei als Themenschwerpunkte der ETF entwickelt. Die bisher gesetzten Maßnahmen zielen auf verstärkte Teilhabe, Schaffung eines gleichberechtigten Zugangs zu qualitätsvoller Bildung und Ausbildung, angemessene Beschäftigung in den Partnerländern sowie auf die Betonung der Bedeutung von Bildung und Ausbildung im Allgemeinen und Berufsbildung im Besonderen in der Bekämpfung von Armut und Exklusion ab.

Weite Teile der Bevölkerung sind in wirtschaftlicher Hinsicht gefährdet und von Armut und Marginalisierung betroffen, was für die ETF- Partnerländer im Westbalkan zunehmend brennende Probleme aufwirft. vielfältige, gleichzeitig ablaufende Prozesse des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Wandels haben zu einer Erosion des sozialen Zusammenhalts und des Sozialkapitals geführt, die öffentliche Sozialleistungen und traditionelle soziale Sicherheitsnetze in ihrer Leistungskraft beeinträchtigt oder zum Zerreißen gebracht hat und Armut und soziale Exklusion vertieft. Im letzten Jahrzehnt sind neue Polarisierungen entstanden, in deren Rahmen es zu einer immer tieferen Spaltung entlang ethnischer Grenzen, aber auch zwischen unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten, Altersgruppen oder den Geschlechtern gekommen ist, wodurch sich einkommensunterschiede und soziale Gegensätze verschärft haben. Damit verlieren nicht nur die Betroffenen Lebenschancen; es schwindet auch die Fähigkeit der Länder, im globalen Wettbewerb zu bestehen und Wohlstand für die Bevölkerung zu schaffen.

In der Türkei haben sich Wirtschaftswachstum und neoliberale Globalisierung besonders stark auf unterprivilegierte Gesellschaftsschichten ausgewirkt und zu unterschiedlichen Formen  der Verelendung geführt. Die tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Region des Westbalkans und der Türkei (WBT) haben ein schnelles und weit verbreitetes Anwachsen der sozialen Gegensätze ebenso mit sich gebracht wie neue Formen der sozialen Exklusion und Segregation, darunter Ungleichheit beim Zugang zu und der Teilhabe an Bildung, Ausbildung und Beschäftigung.

Das größte Risiko, keine berufliche Ausbildung zu erwerben, tragen im Westbalkan und der Türkei junge Menschen aus den wirtschaftlich, sozial und politisch am stärksten marginalisierten Gruppen (Personen mit Behinderung, Frauen, ethnische Minderheiten, noch im Elternhaus oder in 70  ländlichen Gebieten lebende Personen, Kinder von AlleinerzieherInnen oder von Eltern, die Analphabeten oder arbeitslos sind bzw. waren). Besonders gefährdete SchülerInnen (z. B. Roma, Mädchen, SchülerInnen mit Behinderungen bzw. schweren gesundheitlichen Problemen, SchülerInnen aus ländlichen, isolierten und abgelegenen Gebieten, Binnenflüchtlinge/vertriebene, ethnische und kulturelle minderheiten) sind im Berufsbildungssystem überrepräsentiert. Leider gibt es bei den Berufsbildungseinrichtungen die Tendenz, diese Gruppen zu segregieren.

Im Jahr 2010 untersuchte die ETF (in den sogenannten »Torino Process Reviews«), welche Fortschritte im Bereich der Berufsbildung in den Partnerländern erzielt worden waren, und berichtete über die Entwicklung der Humanressourcen in »Human Resource Development Reviews«, die in Albanien, Kroatien, der ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien, Montenegro, Serbien und der Türkei durchgeführt wurden. In diesen Berichten zeigte sich, ebenso wie in einem Regionalbericht, [1] der im Rahmen des 2008 bis 2011 im Westbalkan und der Türkei durchgeführten ETF-Projekts »Social Inclusion through Education and Training« (»Soziale Inklusion durch Bildung und Ausbildung«) erstellt wurde, dass die Rolle der Berufsbildungssysteme bei der Förderung der sozialen Inklusion und des sozialen Zusammenhalts unterschätzt wird. Die Politik und seit langem etablierte Praxis der Bildungssysteme wirken sich direkt und indirekt nachteilig auf die Inklusivität von Berufsbildungseinrichtungen aus und betreffen viele bezüglich Bildung marginalisierte junge Menschen (nicht eingeschriebene und unregelmäßig anwesende SchülerInnen sowie frühzeitige SchulabbrecherInnen).

Es besteht ein fast vollkommener Mangel an Bewusstsein dafür, welches Potenzial die Berufsbildung für die Förderung von Bildungsintegration und sozialer Inklusion hat. Dies liegt teilweise an der starken Fragmentierung, die bei der Entwicklung und Umsetzung von Bildungs- und Ausbildungspolitik ebenso wie in der Ausbildung der Lehrkräfte für unterschiedliche Bildungsniveaus und -inhalte zu beobachten ist. eine weitere Ursache ist die Diskrepanz zwischen den Ausbildungsergebnissen der Berufsbildung und den Anforderungen des Arbeitsmarktes, die vor allem auf den wirtschaftlichen Umbruch zurückzuführen ist, der zur Stilllegung weiter Bereiche der Industrie führte. Gleichzeitig gelang es der Berufsbildung nicht, sich an die neuen Bedürfnisse und Anforderungen anzupassen. In den letzten zehn Jahren haben sich neue Wirtschaftsbereiche entwickelt, und es entstanden neue Arbeitsplätze in der WBT-Region. Doch viele Menschen waren nicht entsprechend darauf vorbereitet, in neue Jobs, die neue Fähigkeiten erfordern, zu wechseln. Die Berufsbildung stellt sich nur langsam auf die neuen Anforderungen um. wer einen neuen Platz am Arbeitsmarkt finden konnte, sicherte sich damit ein besseres Leben; andere entschlossen sich zur Emigration, bleiben arbeitslos oder wurden entmutigt und sind passiv geworden.

Soziale Exklusion kann in verschiedenen Phasen der Begegnung mit der Berufsbildung stattfinden. Die erste Phase ist der Eintritt in das Berufsbildungssystem und die Auswirkung der Entscheidung für eine Berufsausbildung und gegen allgemeine Schulbildung in Sekundarstufe II. In der zweiten Phase geht es darum, ob ein/e SchülerIn die Berufs Ausbildung abschließt oder vorzeitig abbricht. Die dritte Phase ist (für jene, die nicht abbrechen) die Erfahrung beim Besuch der berufsbildenden Schule. Manche Bildungssysteme bieten Lehrlingsmodelle, in denen praktische Berufserfahrungen in Betrieben die schulische Ausbildung ergänzen; andere bieten ausschließlich schulische Berufsausbildung an. Die vierte Phase, in der Exklusion stattfinden kann, ist der Übergang von der Schule zur Arbeit; dabei geht es um die Rahmenbedingungen für den ersten Arbeitsplatz, den AbsolventInnen einer berufsbildenden Schule bekommen (ob er zur Ausbildung passt bzw. ob sich überhaupt ein Job findet). Die letzte Phase ist die darauf folgende Berufslaufbahn, und ob es AbsolventInnen gelingt, von nicht ausbildungsadäquaten zu adäquaten Arbeitsplätzen aufzusteigen, sowie die Frage, ob zu einem späteren Zeitpunkt eine Umschulung in einer Berufsbildungsinstitution möglich ist.

Neben ihrer Aufgabe, Jugendlichen und Arbeitslosen entsprechende Qualifikationen zu vermitteln, verdienen auch die soziale, kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle der Berufsbildung und ihr Beitrag zu Gleichstellung, sozialem Zusammenhalt, Sozialisierung und Bürgerbeteiligung größere Beachtung.

Die Bildungspolitik und die in den Bildungssystemen gelebte Praxis wirken sich direkt und indirekt auf die Inklusivität der Berufsbildungseinrichtungen in Ländern mit Transformationsökonomien aus. Oft jedoch erfüllen die berufsbildenden Schulen und Ausbildungszentren diese Funktion nicht, sodass spezifische Teilgruppen innerhalb der Jugend sich kaum überwindbaren strukturellen Barrieren gegenübersehen, Berufsbildung systematisch nicht nutzen können und damit aus der Bildung ausgeschlossen bleiben (nicht eingeschriebene und unregelmäßig anwesende SchülerInnen sowie frühzeitige SchulabbrecherInnen).

Die Aufgabe der Berufsbildung, die notwendigen Kompetenzen für Beschäftigungsfähigkeit aus einer Perspektive des lebenslangen Lernens zu vermitteln und damit die Arbeitsmarktintegration und wirtschaftliche Inklusion in der Gesellschaft zu fördern, ist eine äußerst wichtige; sie wurde aber auch schon allzu oft beforscht und in der Literatur diskutiert. Sie dominiert häufig den öffentlichen Diskurs über Berufsbildung und soziale Inklusion, was zu verengten und einseitigen politischen Ansätzen und Maßnahmen führt. Demgegenüber sind als Ausgleich bzw. Ergänzung breiter gefasste Überlegungen mit Bezug auf die zivilgesellschaftliche, soziale und kulturelle Rolle der Berufsbildung erforderlich. Bei der Funktion der Berufsbildung stehen auch oft Stereotype im Vordergrund (Geschlechterstereotype, kulturelle Voreingenommenheit, Stigmatisierung, etc.), und sie unterliegt differenzierten und getrennten Angeboten in Bezug auf Institutionen und Lehrpläne, die sich nachteilig auf den sozialen Zusammenhalt auswirken.

Gemeinschaftsinitiativen können bei der Auseinandersetzung mit Fragen von Zugang und Chancengerechtigkeit in der Berufsbildung eine wichtige Rolle spielen. Bei Personen, die beim Zugang zur Berufsbildung in mehrfacher Weise benachteiligt sind, sollten soziale Aspekte oberste Priorität haben und als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit erkannt werden. Die in mehreren Ländern durchgeführten Analysen der ETF sollen Forschungsgrundlagen liefern und die Berufsbildungspolitik und -systeme bei der Bekämpfung sozialer Exklusion und dem Aufbau von Gesellschaften mit einem höheren Maß an Inklusion fördern. In diesem Rahmen hat die ETF ein regionales Aktionsforschungsprojekt mit Beteiligung von berufsbildenden Schulen und Ausbildungszentren (länderberichte und ein länderübergreifender Bericht) begonnen. (2) Das Forschungsprojekt soll den ganzheitlichen Ansatz im Hinblick auf Inklusion in der Bildung untersuchen, d.h. welche Anreize und Barrieren es für die ganzheitliche Entwicklung von Schulen und einer Kultur, die Teilhabe und Leistung aller Schülerinnen fördert, gibt. Das Projekt ist als Reflexions- und Problemlösungsprozess angelegt, den lokale Forscherinnen zusammen mit Praktikerinnen an Berufsschulen/Ausbildungszentren führen; ebenfalls eingebunden sind lokale Vertreterinnen, die zu den berufsbildenden Schulen in Beziehung stehen. Das Ziel ist dabei, ein tieferes Verständnis für die Haupthindernisse, aber auch für die Ausbaumöglichkeiten inklusiver und chancengerechter Berufsbildungssysteme zu entwickeln, um den aktuellen sozioökonomischen Herausforderungen besser begegnen zu können. Dabei soll auch die traditionelle Vorstellung in Frage gestellt werden, die in der Schule bloß eine Bildungsinstitution, nicht aber einen integralen Bestandteil der sie umgebenden Lebenswelt sieht.


Lida Kita arbeitet seit November 2001 für die European Training Foundation (ETF). Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist Bildung und Ausbildung in Südosteuropa. Seit 2007 ist sie ETF-Verantwortliche für den Kosovo, und 2008 wurde sie zur Teamleiterin für ein ETF-Regionalprojekt zu sozialer Inklusion in Bildung und Ausbildung in der Region Westbalkan/Türkei bestellt. www.etf.europa.eu

[1] European Training Foundation. Teachers for the future – Teacher development for inclusive education in the Western Balkans, office for official Publications of the European Communities, Turin 2011.

[2] Im Dezember 2012 fand ein Workshop zu »Social Inclusion in vET« in Wien statt, der allen am Aktionsforschungsprojekt beteiligten berufsbildenden Schulen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch untereinander und mit österreichischen KollegInnen bot. Der Workshop wurde gemeinsam von ETF und KulturKontakt Austria organisiert und finanziert.

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