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Diversity

Europa kann man nicht erklären

Ilir Ferra

Wenn mir jemand während der vielen Jahren, die ich bereits in Wien verbracht habe, gesagt hätte, dass ich diese Stadt einmal als meine Heimatstadt bezeichnen würde, hätte ich ihn mit den unterschiedlichsten Argumenten überzeugt, weshalb dies nicht möglich sei. Nun ist es aber geschehen, dass Wien genauso wie Durrës, meine Geburtsstadt, zu meiner Heimatstadt geworden ist. Eigenheiten, Stadtbild, Reize, Vor- und Nachteile dieser beiden Städte könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch oder gerade deshalb fühle ich mich diesen beiden Städten gleichermaßen verbunden. Bei einer Geburtsstadt ist das eine sozusagen angeborene Zuneigung, die ich nicht erklären muss. Aber wie ist es bei Wien? Und warum meine ich, das hätte etwas mit dem Begriff Diversität zu tun? Vielleicht kann ich einmal diesen Prozess in all seine Einzelheiten zerlegen. Hier möchte ich einige wenige Aspekte hervorheben, die für mich Wendepunkte darstellen.

Am Anfang stand der erste Besuch in der Stadt. Anders als Touristen suchten mein Vater und ich in Wien eine abgelegene, anonyme Seitenstraße auf, in der ein Bekannter meines Vaters sein Büro hatte. Die Absicht meines Vaters, in Österreich zu bleiben, empörte seinen Bekannten: Ich kann mich gut erinnern, dass jener Bekannte erklärte, der Glanz der Schaufenster in Wien sei nicht für uns bestimmt. Wir sollen uns nicht davon blenden lassen. Ich hatte jedoch, seit ich denken konnte, angeregt durch die Werbungen italienischer Privatsender, die in Albanien beliebter als das staatliche Fernsehprogramm waren, von diesem Glanz geträumt. Von diesem Glanz, der sich am ersten Tag nicht zeigen wollte und, als ich ihn sah, tatsächlich unwirklicher und unerreichbarer als auf dem Fernsehbildschirm zu sein schien.
Fünfzehn Jahre später saß ich in der Niederlassung eines internationalen Konzerns in Wien und beschäftigte mich tagaus, tagein mit endlosen Kalkulationstabellen. Eines Tages las ich in einem Artikel auf der Internetseite dieses Unternehmens zum ersten Mal in meinem Leben das Wort »Diversität«. Es bezog sich vor allem darauf, dass ein Unternehmen mit einem Team mit großer Diversität den Vorteil hat, sich in unterschiedlichsten Märkten rascher durchsetzen zu können. Seitdem hat der Begriff Diversity oder Diversität für mich, im Unterschied zu dem Begriff Vielfalt, eine gewisse ökonomische Konnotation. Tatsache ist aber, dass ich über diesen Begriff nachzudenken begann und mir bewusst wurde, dass nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle und jede andere Art von Vielfalt zu einem großen Vorteil für die betreffende Gesellschaft werden kann. Gleichzeitig musste ich erleben, dass diese Vielfalt, diese Diversität keineswegs als eine freie, natürliche Entwicklung betrachtet wurde, sondern sozusagen eine Art kultivierte Diversität war. Im Fall eines Unternehmens spiegelte sie wirtschaftliche Indikatoren wie Marktgröße und Kaufkraft wider. Das ist auch verständlich und nachvollziehbar, denn der Sinn eines Unternehmens ist nun mal der Gewinn, und jedes Unternehmen besteht nicht mehr lange, sobald es dieses Ziel aus den Augen verliert. Nicht ganz verständlich und nachvollziehbar schien mir jedoch eine sozusagen kultivierte Vielfalt in der Kultur. Denn auch hier schien die Entwicklung der Diversität Gesetzen zu gehorchen, die eher ökonomischer Natur waren. So kann die Förderung von Diversität im Kulturbereich, die sich nur nach Schwerpunkten und Programmen oder, schlimmer noch, politischem Kalkül richtet, meiner Meinung nach nur das Gegenteil ihres Zieles erreichen. Das waren die Gedanken, die mich, knapp nachdem ich den Job in dem internationalen Konzern gekündigt hatte und nach einer Möglichkeit suchte, mich mehr der Literatur zu widmen, beschäftigten. Damals war ich, immerhin bereits mehr als fünfzehn Jahre in Wien, noch keinen Millimeter von meinem Standpunkt, dass ein Mensch nur eine Heimatstadt haben kann, abgerückt. In meinem Bewusstsein fand ich die Essenz der Begriffe Multikulturalität oder Diversität in einem einfachen, kurzen Spruch eines sehr guten Freundes versinnbildlicht, der lautete: »Wien ist schön, wenn man eine volle Brieftasche hat.« Tatsächlich schien alles darauf hinauszulaufen: Die vielen schönen Begriffe hatten nur einen Sinn und Zweck, den ökonomischen. Auch das ist legitim, nur sollte man sich darüber im Klaren sein, dass diese Begriffe Wünsche und Hoffnungen erwecken, die, wenn sie unerfüllt bleiben, sich in Verzweiflung verwandeln und letztlich jenem zur Last fallen können, der sie erweckt hat.

Und eben in dieser Ernüchterung ereilte mich die Einberufung zum österreichischen Bundesheer. Ich hatte genügend Pläne und hätte Besseres mit meiner Zeit anzufangen gewusst, als zu lernen, wie man einen Panzer fährt. Aber ich musste nicht nur das lernen, sondern auch den Motor des Panzers verstehen, viele Nächte neben einem Tor verbringen, durch das kaum jemand ging, die Grenze, über die viele Jahre zuvor meine Schwester nach Österreich gekommen war, überwachen und dabei von einer Kaserne zur nächsten fahren. In mehr oder weniger sinnvolle  Aufgaben eingebunden, sah ich viele entlegene Ortschaften, kleine Flüsse, Felder und Landschaften Österreichs, die ein Teil von mir wurden, indem sie sich mit meinen Erinnerungen an Gespräche, frenetisches Gelächter übernächtigter Rekruten, erschlichenen Schlaf, Zigarettenrauch, endloses Warten, Summen und Stiche blutrünstiger Gelsen gefüllt hatten. Und hin und wieder musste ich mir eingestehen, dass das Essen in manchen Kasernen vorzüglich schmeckte und mir Österreich danach, ganz gleich wie wenig mein Gesicht und mein Name dem einen oder anderen passte, nicht mehr so fremd war.
Wieder aber sollten einige Jahre vergehen, bevor ich eines Tages auf dem Weg in meine Wohnung plötzlich erkannte, dass Wien zu meiner Heimatstadt geworden war. Das hatte eigentlich weniger mit einer vollen Brieftasche zu tun als mit der Erkenntnis, dass Wien und Europa die Diversität gesellschaftlich und wirtschaftlich längst verinnerlicht haben, während die Politik und vor allem die Kultur nachzuhinken scheinen. Meiner Meinung nach geht es viel weniger darum, Diversität oder Vielfalt zu fördern und zu kultivieren, sondern sie bewusst wahrzunehmen und zu erleben. Das klingt wieder illusorisch, aber das wird einer, der knapp nach den Worten »Vater« und »Mutter« die Namen »Marx« und »Engels« gehört hat, wahrscheinlich nie los. Außerdem meine ich auch etwas ganz Reales damit. Ich meine, dass die Entwicklung, die ich hier zu beschreiben versuchte, durch eine Reihenfolge von Zufällen, die sich als Möglichkeiten herausgestellt haben, entstanden ist.

Ich sehe jeden Tag Gesichter junger Menschen, die von weit her kommen, um in Wien wie überall in Europa einen illusorischen Glanz zu suchen, und ihnen gilt es Möglichkeiten zu bieten, das Leben Europas kennenzulernen, zu zeigen, dass dieser Glanz bloß Oberfläche ist. Denn Europa kann man nicht mit Worten und Begriffen erklären, Europa muss man erleben, und erleben kann man nur Länder und Regionen, in welchen sich einer entfalten kann. Und wo viele sich entfalten, entsteht dann auch Vielfalt.

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Ilir Ferra wurde in Durrës, Albanien, geboren. Der Autor, Übersetzer und Dolmetscher lebt und arbeitet in Wien. Für die Erzählung „Halber Atem“ erhielt er 2008 den Preis „Schreiben zwischen den Kulturen“. Für sein Debüt „Rauchschatten“ wurde er 2012 mit dem „Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis“ ausgezeichnet. Der Roman liegt nun in der 3. Auflage vor.

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