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Diversity

Bildungsbarrieren und Zugang zum Arbeitsmarkt

Gudrun Biffl, Anna Faustmann, Lydia Rössl, Isabella Skrivanek

Viele Barrieren begegnen arbeitsmarktfernen Personen, insbesondere solchen mit Migrationshintergrund, auf ihrem Weg zur Erwerbsintegration. Dabei ist zwischen individuellen Merkmalen, die Hürden bei der Arbeitsmarktintegration darstellen, und strukturellen Gegebenheiten zu unterscheiden. (1) Der Schwerpunkt der Ausführungen liegt bei der Rolle der geringen Bildung als Hemmnis für eine Erwerbsintegration.

Individuelle und strukturelle Barrieren für (arbeitsmarktferne) MigrantInnen

MigrantInnen haben, zum Teil infolge ihrer Migrationsgeschichte, eine Reihe von individuellen Herausforderungen bei der Arbeitsmarktintegration zu meistern: hierzu zählen einerseits die Kenntnisse der deutschen Sprache, andererseits die beruflichen Anforderungen. Die Sprachkenntnisse spielen in beiden Fällen eine Rolle und brauchen daher eine spezifische Berücksichtigung in sprachlichen Weiterbildungsmaßnahmen. Geringe Deutschkenntnisse können allerdings nicht nur zu Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt führen, sondern auch die Teilhabe am sozialen, kulturellen und politischen Leben einschränken.
Bei bildungsbenachteiligten Personen erschwert weiters der geringe Bildungsgrad die Erwerbsintegration. Angesichts des »einfache-Arbeit-sparenden« technischen Fortschritts gibt es in Österreich im unteren Bildungssegment ein Überangebot an Arbeitskräften, was den Wettbewerb um Hilfsarbeitertätigkeiten anheizt.
Angesichts des überdurchschnittlich hohen Anteils von MigrantInnen mit einfachen Qualifikationen ist diese Personengruppe besonders stark vom Wettbewerbsdruck betroffen.
Auch Gesundheitsprobleme können die Erwerbsintegration erschweren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass MigrantInnen häufiger auf Arbeitsplätzen anzutreffen sind, die eine besondere gesundheitliche Belastung mit sich bringen. Das beeinträchtigt ihre Gesundheit und in der Folge ihre Weiterbeschäftigungschancen. Zu körperlichen Belastungen kommen häufig auch noch psychische hinzu, die einerseits aus der Arbeit entspringen, andererseits aus der Migrationsgeschichte (insbesondere bei Fluchterlebnissen) sowie aus belastenden Lebensumständen, wie unsicheren wirtschaftlichen Lebensbedingungen.
Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist weiters zu bedenken, dass sie, nicht zuletzt infolge einer unsicheren Einkommenssituation der Eltern, im Schnitt früher als einheimische Jugendliche aus dem Schulsystem austreten und versuchen, als HilfsarbeiterInnen unterzukommen. Dass sie sich damit häufig den Weg für eine Weiterbildung verbauen und damit ihre Lebenschancen längerfristig verschlechtern, ist ihnen zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.
Auch auf struktureller Ebene können verschiedene Bildungsbarrieren identifiziert werden, die die Arbeitsmarktchancen von MigrantInnen einschränken: Einerseits ist es oft nicht leicht, die Qualifikationen, die im Ausland erworben worden sind, anerkannt zu bekommen, was eine ausbildungsadäquate Beschäftigung erschweren oder sogar unmöglich machen kann. Das österreichische Anerkennungssystem ist durch eine Vielzahl von Zuständigkeiten geprägt;
eine Anerkennung ist teils mit hohem Aufwand verbunden und nicht in jedem Fall möglich, etwa wenn sich die beruflichen Ausbildungsformen und -inhalte von den österreichischen unterscheiden. (2)
Andererseits kann auch die fehlende Arbeitserfahrung, insbesondere fehlende Arbeitserfahrung in Österreich, ein Hindernis bei der Arbeitsmarktintegration sein.
Mangelndes Verständnis für bzw. Wissen über das österreichische (Aus-)Bildungswesen und die Organisationsstrukturen und Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind weitere Faktoren, die die Erwerbsintegration von MigrantInnen erschweren.
Nicht zuletzt beeinflusst aber auch der aufenthaltsrechtliche Status von MigrantInnen die Möglichkeiten, in Österreich einer Arbeit nachzugehen. So haben etwa Familienangehörige von Drittstaatsangehörigen nicht automatisch Zugang zum Arbeitsmarkt, zumindest innerhalb der ersten fünf Jahre des legalen Aufenthalts in Österreich, sondern erst nach einem Ersatzkraftverfahren, d.h., wenn nachweislich keine registrierten Arbeitslosen vor Ort den Job ausüben können. Damit haben es Personen mit einfachen Qualifikationen, die noch keine Niederlassungsbewilligung oder Rot-Weiß-Rot Karte-Plus haben, schwer, in Österreich einer Arbeit nachzugehen. Die lange Wartephase kann dazu führen, dass die Personen entmutigt werden; in der Folge bedarf es besonderer Fördermaßnahmen, um eine spätere Arbeitsaufnahme zu ermöglichen.
Es ist aber oft nicht nur ein einzelner Faktor, der die Erwerbsintegration erschwert, sondern eine Kombination von Faktoren. Dabei handelt es sich meist um intersektionale Problemlagen, wie etwa die geringe zeitliche Flexibilität infolge von Betreuungspflichten von Kindern oder Älteren, in Kombination mit Sprachproblemen oder gesundheitlicher Einschränkung (Fluchterfahrung). Da in Österreich soziale Dienstleistungen, vor allem im Kinderund Altenbetreuungsbereich, nach wie vor stark informell organisiert werden, können MigrantInnen infolge ihrer geringen Vernetzung und Einbindung in die lokale Bevölkerung oft nicht auf die lokale Unterstützung in demselben Maße hoffen wie Einheimische. Hinzu kommt, dass durch eine eingeschränkte regionale Mobilität, etwa infolge eines schwach ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetzes oder mangelnder Mitfahrmöglichkeit, keines Führerscheins oder Zweitautos, nur das lokale Arbeitsplatzangebot als Möglichkeit offen steht, jedoch hier häufig die Einheimischen über ihre Netzwerke den Vortritt haben.

Weiterbildung als Mittel zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen

Im Bereich der Bildungspolitik kommt der Verbesserung der verwertung von im Ausland erworbenen Qualifikationen am österreichischen Arbeitsmarkt eine besonders wichtige Rolle zu, da dadurch der Dequalifizierung auf dem Arbeitsmarkt gezielt entgegengewirkt werden kann. Dabei ist insbesondere die Schaffung eines zentralen Informationsangebots für verschiedenste Anerkennungsbelange mit »Wegweiserfunktion« bedeutend.(3) Zudem ist es notwendig, entsprechende Beratungsangebote zu gewährleisten sowie ein adäquates Nachqualifizierungsangebot zu schaffen.
Neben der gezielten Förderung von Aus- und Weiterbildung für MigrantInnen ist aber auch die Sichtbarmachung der erworbenen Kompetenzen zu forcieren, wie im Rahmen von Bildungskonten, die etwa in Oberösterreich (4) bereits umgesetzt werden.
Besonderer bildungspolitischer Handlungsbedarf besteht im schulischen Bereich: SchülerInnen mit Migrationshintergrund, allen voran QuereinsteigerInnen ins österreichische Schulsystem, benötigen gezielte Unterstützung beim Erwerb der Deutschkenntnisse. Nicht mangelhafte Deutschkenntnisse, sondern Mehrsprachigkeit als Stärke in den Vordergrund zu stellen wäre dabei hilfreich. Die Einbindung der Eltern in das lernumfeld kann ebenfalls eine wichtige Unterstützung für Schule, lehrerInnen und SchülerInnen sein. Weiters gilt dem Übergang von der Schule in die Weiterbildung und ins Erwerbsleben besonderes Augenmerk; dabei kommt der Schule eine Schlüsselrolle zu, da sie der Ort ist, an dem die Jugendlichen institutionell am leichtesten erreicht werden können. Insbesondere Mädchen bedürfen besonderer Unterstützung, da sie zum Teil – nicht zuletzt aufgrund traditionell geprägter Geschlechterrollen – im Haushalt verbleiben und dadurch oft schwer für eine Weiterbildung nach der Pflichtschule zu gewinnen sind.
Neben bildungspolitischen Integrationsfördermaßnahmen sind weitere als besonders wichtig hervorzuheben: so etwa Mentoring-Programme für MigrantInnen an der Schnittstelle zum Arbeitsmarkt, spezielle Maßnahmen für hoch qualifizierte MigrantInnen und Asylberechtigte sowie eine Erhöhung des MigrantInnen- Anteils im öffentlichen Dienst (insbesondere in sozialen Dienstleistungsberufen), da dieser Sektor eine besondere Vorbildfunktion hat. Außerdem braucht es mehr Transparenz beim Zugang zu verdeckten Arbeitsmärkten, also Jobs, die üblicherweise über Freunde und Verwandte vermittelt werden. Da MigrantInnen häufig diese Netzwerke fehlen, verringert sich automatisch das Arbeitsangebot auf öffentliche Ausschreibungen und damit auf etwa die Hälfte des Jobangebots in Österreich.
Anzustreben wäre die Implementierung eines Diversity-Mainstreaming- Ansatzes im Bereich der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, d.h. einer Politik, die potenzielle Arbeitgeber dazu anregt, in der Vielfalt des Arbeitskräfteangebots einen Vorteil für den Betrieb zu sehen. Wenn die Belegschaft die Vielfalt der KonsumentInnen und der weiteren Gesellschaft spiegelt, wird der Umgang mit Vielfalt besser gelernt, was dem sozialen Zusammenhalt ebenso förderlich ist wie der gegenseitigen Befruchtung und dem Erkenntnisgewinn über die unterschiedlichen Bedürfnisse. (5)
Angesichts der Alterung unserer Erwerbsgesellschaft erhält die bessere Nutzung unserer Arbeitsressourcen eine besondere Dringlichkeit und damit die Förderung von Diversitätsmanagement in Betrieben und Unternehmen. Dabei zeigt sich, dass MigrantInnenorganisationen wertvolle Dienste beim Brückenschlag zwischen Betrieben, Weiterbildungseinrichtungen, dem Arbeitsmarktservice und der Gesellschaft leisten können. Ein Thema, das aber im Zusammenhang mit der Förderung der Erwerbseinbindung von MigrantInnen nicht unter den Tisch gekehrt werden darf, ist die Diskriminierung, die MigrantInnen aus vielen Teilen der Welt in Österreich beim Versuch, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, erfahren. Hier bedarf es einer Sensibilisierung jedes Einzelnen ebenso wie der wesentlichen AkteurInnen auf dem Arbeitsmarkt und der  Entwicklung von Instrumentarien, die Vorurteilen und Stereotypisierungen entgegenwirken. Hier wäre in Zusammenarbeit mit Betrieben und unter Einbindung von Migrationsvereinen und Weiterbildungseinrichtungen herauszuarbeiten, wie vorzugehen ist. Workshops, in denen PersonalmanagerInnen ihre Erfahrungen einbringen können und in denen Lösungen ausgearbeitet werden, etwa die Bereitstellung von Einstiegsmentoring-Programmen, könnten ein Weg sein, generelle Kampagnen gegen Diskriminierung, individuelle und institutionelle, ein anderer.

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Gudrun Biffl ist Leiterin des Departments für Migration und Globalisierung und Dekanin der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. Sie ist u.a. Konsulentin der OECD, Mitglied des Expertenrates für Integration im BMI, des frauenpolitischen Beirats im BMWF und des Universitätsrates der Johannes Kepler Universität Linz.

Anna Faustmann ist Soziologin und seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Departments. Sie forscht zu Querschnittsthemen von Migration und Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheit sowie im Bereich der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung, insbesondere im Bereich von Sozial- und Migrationspolitik.

Lydia Rössl ist Sozial- und Kulturanthropologin und seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Migration und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. Sie beschäftigt sich u.a. mit Migration und Integration, Medical Anthropology, Globalisierungsprozessen sowie mit Netzwerkforschung.

Isabella Skrivanek ist Ökonomin und Politikwissenschaftlerin und seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Migration und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Migrations- und Integrationsforschung, insbesondere Bildung, Arbeitsmarkt, Jugend, Migrations- und Integrationspolitik.

[1] Der Beitrag basiert auf Erkenntnissen aus: Gudrun Biffl/Anna Faustmann/ Lydia Rössl/Isabella Skrivanek: Schnittstelle Arbeitsmarkt. Individuelle und strukturelle Hürden bei der Erwerbsintegration von (arbeitsmarktfernen) Personen, insbesondere solchen mit Migrationshintergrund, in der Steiermark. Krems 2012, eine Evaluierung von acht Modellprojekten, die im Rahmen des ESF-Schwerpunkts 3b in der Steiermark gefördert wurden. www.stebep.at

[2] Genaueres dazu in Gudrun Biffl/ Thomas Pfeffer/Isabella Skrivanek: Anerkennung ausländischer Qualifikationen und informeller Kompetenzen in Österreich., Krems 2012, www.donau-uni.ac.at/imperia/md/content/department/migrationglobalisierung/ forschung/biffl-anerkennung-validierung-2012.pdf

[3] Wichtige Schritte wurden diesbezüglich mit der Einführung der Internetplattform www.berufsanerkennung.at im Frühjahr 2012 durch das Staatssekretariat für Integration im BMI und das BMASK gesetzt.

[4]  vgl. www.land-oberoesterreich.gv.at/cps/rde/xchg/ooe/hs.xsl/24636_DEU_HTMl.htm/

[5] Das Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems verfügt über ein umfassendes postgraduales Lehrangebot in den Themenbereichen Migration und Integration, wie etwa die Masterlehrgänge Migrationsmanagement, Migration und  Gesundheit oder Migrationspädagogik. Näheres unter www.donauuni.ac.at/de/department/migrationglobalisierung/studium/index.php

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