SPOT ON

Diversity

Der NOW-Faktor

Anne Bamford

Die Welt um uns hat sich verändert – weit mehr, als viele von uns wahrhaben wollen. In vielen Bereichen nimmt ethnische Vielfalt zu, und die Politik der kulturellen Differenzwird zu einer immer drängenderen Aufgabe. ein reiches, vielfältiges Kunst- und Kulturleben unterstützt den entsprechenden Umgang mit Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Den meisten Kulturprogrammen fehlen jedoch immer noch eine klare Ausrichtung, Ressourcen und fast immer auch eine ausreichende Evaluierung. wir müssen ein besseres Verständnis dafür entwickeln, wie Teilhabe an Kunst und Kultur den Umgang mit Vielfalt unterstützen kann. Kenntnisse, Kompetenzen und Erfahrungen, die wir über Kultur erwerben, prägen unseren Blick auf die Welt. unsere Welt ist schon heute grenzenlos, daher sind international erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse sowie flexibles Denken von entscheidender Bedeutung.

In vielen Bereichen öffentlicher Politik klaffen die vertretenen Ideale und die Realität der Umsetzung weit auseinander. Kaum jemand würde bezweifeln, dass Staaten die Armutsbekämpfung, Friedensstiftung oder Gesundheitsförderung befürworten – doch wie wir nur allzu gut wissen, ist eine wirklich wirksame Umsetzung dieser politischen Ziele äußerst selten. Verfassungsbestimmungen und andere gesetzliche und politische Rahmenbedingungen scheinen für die Praxis oft hinderlich oder zumindest nicht förderlich zu sein. Der Kunst- und Kulturbereich bildet dabei keine Ausnahme. Die politischen Programme werden ohne entsprechenden Bezug auf empirische Forschungsergebnisse formuliert und kaum mit den für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlichen Ressourcen (einschließlich ausreichend qualifiziertem Personal) ausgestattet. Die Sozial- und Bildungspolitik betont im Rahmen kultureller Bildung die »3Ks«: Kreativität, Kritisches Denken und Kommunikation. Das »K« wie »Kultur« wird dabei selten erwähnt.
In den meisten Lehrplänen wird eine Reihe von Zielen vorgegeben, die in Kunst- und Kulturerziehung von den SchülerInnen und LehrerInnen in der Grund- und Sekundarstufe erreicht werden sollen. oft sind es zu viele, schwer messbare Ziele, ohne klare Schwerpunkte. widersprüchliche Ziele machen es den verantwortlichen bei der Umsetzung leicht, die Ziele entweder zu ignorieren oder eine Praxis des bunten Durcheinanders zu verfolgen, mit der sie versuchen, den Widerspruch zuzudecken, womit sie aber keines der Ziele wirklich erreichen. So kann sich ein Kunst- und Kulturvermittlungsprogramm Inklusion und individuelle Erfahrung zum Ziel setzen und  gleichzeitig Elitenbildung und Begabungsförderung betonen.
Dieser Ansatz muss unter bestimmten Umständen gar nicht widersprüchlich sein. wenn wir der Begabungsförderung ein »PyramidenModell « zugrundelegen, nehmen wir an, dass eine breite Basis viele Menschen erreicht und ihnen inklusive Erfahrungen ermöglicht. Qualifizierte Praktiker könnten diese Breitenwirksamkeit nützen, um Personen mit bestimmten Begabungen zu identifizieren. In einem zielgerichteten Prozess könnten dann die Personen entsprechend ihren Begabungen in maßgeschneiderten, mit reichlichen Ressourcen ausgestatteten Programmen gefördert werden.
Mit einem derartigen Modell könnten wir dem Beispiel der im Fußball und anderen Sportarten üblichen Praxis folgen. Aber wäre das ohne eine »Kulturoberliga« oder »olympische Spiele« machbar? ein solcher Ansatz funktioniert nur in der künstlerischen Praxis. Da wir aber einen Großteil unseres KulturVerständnisses nicht durch künstlerisches Tun, sondern in erster Linie als Kunst- und Kulturpublikum entwickeln, ist die Begabungsförderung wohl kein gutes Modell. Es ist unvorstellbar, eine Person aus dem Publikum auszuschließen, weil sie beim Zuhören oder Zuschauen nicht genug Talent bewiesen hat.
Das Fehlen präziser Schwerpunkte bedeutet, dass uns das bunte Durcheinander vorgeblicher Ziele sowohl im Bildungswesen als auch in Kulturbetrieben eine einfache Rechtfertigung für oberflächliche und wenig fokussierte Aktivitäten anbietet. Zu den erklärten Zielen der kulturellen Bildung können unter anderem zählen: Entwicklung von Sensibilität für Kultur und Umwelt, das erfahren und wertschätzen von Kunst, Verständnis für verschiedene Kunstformen, Entwicklung eigener Ausdrucksmöglichkeiten, Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten in der Kunstproduktion, Kunstverständnis und kritische Reflexion, Einbindung künstlerischer Inhalte in andere Bildungsbereiche, kreatives und innovatives Denken, Entwicklung von ästhetischem Urteilsvermögen oder auch Aufbau eines lebenslangen Interesses an Kunst zur Verbesserung der Lebensqualität. Jedes dieser Ziele wäre schon allein eine Lebensaufgabe. eine weitere Herausforderung ist, dass Kulturvermittlung nicht in erster Linie in den von der Politik abgesteckten Bereichen stattfindet. Die beste Kunst ist oft an herausfordernden orten, in Randzonen oder in Opposition zu etablierten Strukturen zu finden. Kunst und kulturelle Aktivitäten sind in einer Reihe formeller und informeller Kontexte anzutreffen. Das fördert eine vielgestaltige Praxis, bedeutet aber auch, dass der kulturellen Aktivität eine anarchische Qualität eigen ist, die sich der Klassifizierung durch jene, die die Qualität und Umsetzung von Kunst- und Kulturpolitik regulieren wollen, entzieht. Konstruktivistische Prinzipien kultureller Entwicklung treten mit größter Wahrscheinlichkeit an Orten auf, die oft außerhalb des Einflusses der politischen Entscheidungsträger liegen: im Privaten (zu Hause), in virtuellen Welten (iPod), in Institutionen (Galerien/ Theater), in nicht dafür vorgesehenen Räumen (z. B. Disko, Kirche) und im Alltagsleben.
Ein Beispiel ist die Entwicklung der »Apps«, eines Kulturphänomens, das ohne Fachausbildungslehrgänge, rechtlichen Rahmen, Politik, Strategie oder Ziele in die Welt gesetzt wurde. wer hätte denn geplant, dass wütende vögel, sich in Hochgeschwindigkeit abrollendes Klopapier oder eine App, die es einem ermöglicht, andere homosexuelle Menschen in der Umgebung zu finden, ein Erfolg werden? Diese Elemente sind Teil eines kulturellen Bewusstseins geworden. Wie viele unserer Kulturinstitutionen können einen derartig rasenden Erfolg dieser Größenordnung für sich beanspruchen? In den meisten Museen oder Konzerthäusern wäre man außer sich vor Freude, hätte ein neues Programm in dieser Geschwindigkeit und dieser globalen Wirkung »eingeschlagen«. worauf zielen diese Apps ab? Ihr Ziel ist sehr klar: Sie wollen unterhalten.
»Kunsterlebnisse« im weiteren Sinne können genauer gesagt als kreative Praxis bezeichnet werden – als Aktivitäten, die es ermöglichen, sich durch aktive Teilnahme und Produktion in den entsprechenden Kulturbereichen und Kunstsparten selbst auszudrücken (indem man z.B. ein Musikinstrument erlernt). In manchen Fällen öffnen Lehrpläne Möglichkeiten, kritisches Verständnis zu entwickeln. Das gilt vor allem für jene »Vermittlungsprogramme«, die die Entwicklung von Fähigkeiten zur Analyse und Beurteilung von Kulturformen und – inhalten bei Jugendlichen fördern, um sie so zu besser informierten Kulturkonsumenten zu machen bzw. ihre Kompetenzen als Kulturproduzenten zu stärken (wie z.B. das System der »Kulturkreditkarten« in den Niederlanden). Kreatives lernen, wie es vor allem in der Schule stattfindet, setzt Kultur zur Verbesserung der Lernleistung ein (z.B. Aufbau der kreativen kognitiven Fähigkeiten; Förderung der sozialen, emotionalen und persönlichen Entwicklung). Gründe, aus denen sich Kulturproduzenten an ein Publikum wenden, sind unterschiedlich. In manchen Fällen ist das Gewinnen von Publikum oder das erschließen neuer Zielgruppen schlichtweg ein Mittel, um das Überleben zu sichern. Bei besser oder länger etablierten Kulturanbietern geht es vielleicht weniger darum, überhaupt Publikum anzuziehen, sondern vielmehr darum, neue Publikumsschichten anzusprechen. In manchen Ländern ist die Kultur- oder Bildungspolitik der Motor, der Kulturschaffende antreibt, neue Publikumsgruppen zu erreichen. So lässt sich durchaus sagen, dass beispielsweise das Programm der Creative Partnerships in England, der »Kulturrucksack« in Norwegen oder die Programme von KulturKontakt Austria KünstlerInnen motiviert haben, ihre Kunstpraxis zu verändern und mit Bildungsanreizen (1) abzustimmen. Öffentliche Aufgaben oder umfassende lokale Planungen können einen starken Antrieb für Kulturschaffende darstellen, sich neuen Publikumsschichten anzunähern oder ihre Kunst an anderen, neuen orten zu betreiben. Qualitätsvolle Programme sehen Inklusion als zentrales Anliegen, was vor allem für verschiedene marginalisierte Gruppen von Bedeutung ist. Im Prinzip würden die meisten Länder für sich in Anspruch nehmen, dass die künstlerische Bildung für alle zugänglich ist. Kinder mit besonderen Bedürfnissen und unterschiedlichen Hintergründen werden in der Regelschule integriert, wo sie im Rahmen des Unterrichts Zugang zur Kunst haben. Dieses Grundprinzip ist löblich, doch was die Schulbildung für das weitere Leben und die Berufslaufbahn von weniger befähigten SchülerInnen leistet, ist nicht so klar. Die Stimme der Jugend ist für die Kunst- und Kulturvermittlung wichtig, und sie kann auf verschiedenste Art und Weise gehört werden: von Befragungen und Konsultationen über Jugendbeiräte bis hin zu Bildungsprogrammen, die von Jugendlichen entwickelt, umgesetzt, bewertet und in Berichten dokumentiert werden. In der Praxis hat es jedoch kaum Tradition, die Stimme der Jugend in die Planung und Umsetzung von Kunst- und Kulturvermittlungsprogrammen einzubeziehen. Nur selten haben Jugendliche die Möglichkeit, an Entscheidungen beteiligt zu sein.
Wenn wir herausfinden wollen, was funktioniert und ob Erfahrungen in die Praxis umgesetzt werden, müssen wir auf die Erfahrungen der Kreativen im Kulturbereich hören. Ein schlichtes »one size fits all«-Modell wird in der Kunst- und Kulturvermittlung wohl kaum zum Erfolg führen. Wir brauchen Raum für Experimente. Bildungs- und Vermittlungsprogramme sollten darauf abzielen, sowohl die Kunstproduktion als auch ihre Rezeption zu fördern. Kulturangebote sollten klarer und zielgruppenorientierter kommuniziert werden, um zu gewährleisten, dass potenziellen Interessenten der Zugang zu ihnen ermöglicht wird. Große, landesweite Programme sind lobenswert, aber es braucht auch auf lokaler und regionaler Ebene Programme, die neue und unterschiedliche soziale Gruppen in das kulturelle Leben einbeziehen. Kulturelle Erfahrungen und Erlebnisse stellen eine ideale Plattform für transnationalen Austausch und ein mehr an gegenseitigem Verständnis dar. ein verstärkter Austausch darüber wäre wünschenswert.

———————-

Anne Bamford ist Direktorin der International Research Agency und eine anerkannte Expertin in den Bereichen künstlerische Bildung, vorschulische Leseentwicklung und visuelle Kommunikation. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Innovation, soziale Effekte, Chancengleichheit und Diversität. Sie ist „World Scholar“ der UNESCO und hat für die Regierungen von Dänemark, Belgien, Island, Hongkong, Norwegen und der Niederlande Evaluierungsstudien durchgeführt. www.arts.ac.uk

[1] Das EU-Programm »Artists in Creative Education« widmete sich der Frage, wie KünstlerInnen in der Schule zur Entfaltung der Kreativität der SchülerInnen beitragen können. Die Programmpartner waren: Creativity, Culture and Education (CCE) aus Großbritannien, Cultuurondernemen aus den Niederlanden, Drömmarnas Hus aus Schweden und KulturKontakt Austria. Das Programm publizierte einen Praxisleitfaden für KünstlerInnen, die im Bereich des kreativen Unterrichts arbeiten. www.artistsincreativeeducation.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: