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Diversity

Wie können wir lernen, Vielfalt zu schätzen?

Umut Dağ

Als Filmschaffender bin ich stets auf der Suche. Ich suche Charaktere, Geschichten, Blickpunkte, die ich so noch nicht kenne, die ich für erzählenswert erachte. Dieser manchmal sogar obsessiven Neugier liegt aber meistens etwas anderes zugrunde: Unwissenheit, manchmal auch Unverständnis. Es fesselt mich, wenn ich mich mit Menschen beschäftige, die ich nicht verstehe, deren Beweggründe ich nicht nachvollziehen kann, deren Motive mir nicht nur fremd sind, sondern mir manchmal sogar Angst machen. Es ist einer der spannendsten Teile meiner Arbeit, in diese fremden Welten einzutauchen und sie so vorurteilsfrei wie möglich wiederzugeben.

Die Geschichten dieser Menschen einem Publikum auf eine Art und Weise begreiflich zu machen, dass sie sich selbst ein Bild davon machen können, ohne ihnen pseudopädagogisch vorzukauen, was gut und was schlecht ist. letzten Endes ist es ein Versuch, an die Grundempathie jedes Einzelnen zu appellieren – und dabei davon auszugehen, dass das Publikum sehr wohl intelligent genug ist, für sich Entscheidungen zu treffen. Ich war sehr froh, als ich gefragt wurde, ob ich einen Beitrag für die neue Edition von KulturKontakt Austria verfassen möchte, um meine Meinung zu einer vielfältigen, heterogenen Gesellschaft darzulegen. Das ist ein Thema, das in meiner stetigen Suche immer wieder vorkommt. Auch wenn es sekundär zu sein scheint, ist es oft ein wichtiges Element meiner Arbeit, diesen Aspekt mitzudenken. Es ist zugegebenermaßen keine einfache Frage. Welche Auswirkungen, Chancen und Risiken hat Vielfalt gesamtgesellschaftlich und für jeden Einzelnen?

Ich beziehe mich bei der Antwort lieber auf die Realität als auf das, was ich in meiner utopischen Wunschvorstellung von Gesellschaft gerne sehen würde. Natürlich entspräche eine »no border – no nation«-Haltung am ehesten meinem Ideal von harmonischem Zusammenleben weltweit. Ich finde es aber wichtiger, mich auf das zu beziehen, was uns gegenwärtig am meisten beschäftigt. Und da sieht es leider viel düsterer aus, als wir es uns eingestehen wollen. Jede politische Richtung kocht ihr eigenes Süppchen. Alle haben eine Meinung dazu. Und jeder erhebt für sich den Anspruch, die einzig wahre zu haben. Bevor ich auf das Zusammenleben an sich näher eingehe, würde ich gerne versuchen herauszufinden, was mit diesem Wort eigentlich gemeint sein könnte bzw. wie man es oft zu interpretieren neigt. Wenn wir uns in unserer unmittelbaren Umgebung umsehen, erkennen wir, dass dieses »Zusammenleben« fast immer ein »Nebeneinander« und nicht ein »Miteinander« bedeutet. Ich werte weder die eine noch die andere Form. Es geht nicht um gut oder schlecht. Zum Großteil sind anonymisierte leben auch ein Produkt unseres vermehrt urbanen Lebens. In kleineren Ortschaften kennt man die Nachbarn wohl besser als in der Großstadt.

Warum scheint es aber negativ aufzufallen, wenn verschiedene Volksgruppen unter bestimmten Voraussetzungen eher unter sich bleiben? Was ist denn eigentlich das Problem? Ist es vielleicht die vermeintlich höhere Kriminalitäts- und/oder Arbeitslosenrate bei Menschen mit »Migrationshintergrund«, über die immer wieder gesprochen wird? »Migrationshintergrund« ist die politisch korrekte Form für »Ausländer«. Es scheint so, als müsse man nur die Rhetorik ändern, um sich vom rechten Lager zu distanzieren. Bei näherer Betrachtung bleibt der Inhalt aber meist derselbe. Niemand stellt sich die Frage, warum wir überhaupt zwischen Menschen mit verschiedenen ethnischen Wurzeln unterscheiden müssen. Nur bei »SOS Mitmensch« gab es vor Kurzem eine Initiative, die dazu beitragen sollte, den Begriff »Migrationshintergrund« nicht nur aus unserem Sprachgebrauch, sondern auch aus unserem Denken zu verbannen. Und zwar so, dass wir nicht nach Ersatzwörtern suchen, sondern hinterfragen, warum wir Menschen klassifizieren und kategorisieren, und in Folge unsere Haltung ändern. Mir ist natürlich bewusst, dass das sehr utopisch ist und ich entgegen meines Vorhabens in eine Wunschvorstellung abgeglitten bin. Es sollte nur verdeutlichen, dass solche Probleme gar nicht aufkommen würden, wenn wir wenigstens versuchten, die Barrieren in unseren Köpfen niederzureißen. Ist das denn ein zu naiver Wunsch? Ja, wahrscheinlich. Was können wir aber tun, wenn es nicht machbar scheint, die Einstellung der Menschen gegenüber allen und jedem, der neu bzw. fremd wirkt, zu ändern? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. vielleicht wäre ein erster richtiger Schritt, Menschen zu informieren und aufzuklären bzw. es zumindest zu versuchen. Nur müssten diese dafür auch prinzipiell aufgeschlossen und lernbereit sein – und solche Personen haben ja meistens ohnehin kein wirkliches Problem mit Vielfalt. Die Schwierigkeit stellen die Einstellungen von Menschen dar, die so sehr in ihren Denkmustern gefangen sind, dass Aufklärungsversuche von außen nichts nützen.
Wie kann man in ein geschlossenes System von Gedanken und Vorurteilen eindringen und diese Menschen aufrütteln? Und zwar nicht in Richtung Toleranz füreinander, denn »Toleranz« bedeutet »Duldung«. Ich meine viel eher Respekt und Akzeptanz für jedes Individuum. Wie schaffen wir es, uns nicht in unserer Freiheit, unseren Traditionen oder unserer Lebensweise bedroht zu fühlen, nur weil sich auf den ersten Blick die Werte der »Anderen« von unseren  unterscheiden? Warum sich viele in der eigenen Freiheit bedroht fühlen, wenn sie mit etwas Fremdem in unmittelbarer Nähe konfrontiert werden, ist eine  Frage.

Ich glaube nicht, dass wir mit diesen Vorurteilen geboren werden. Im Gegenteil. Wir kommen auf die Welt und erkunden zunächst alles, um es kennenzulernen. Wir sind neugierig. Auch wenn wir am Anfang vielleicht eine gewisse Scheu haben, gewöhnen wir uns recht schnell an alles. Was ist also der Grund dafür, dass wir als Erwachsene diese Angst vor dem Fremden haben? Was passiert mit uns zwischen den Jahren als Kleinkind mit gesunder Neugier und später als heranwachsende bzw. erwachsene Individuen mit Angst und Vorurteilen? Wir lernen stets dazu. Unsere unmittelbare Umgebung formt unser Denken und unseren Charakter. Schließlich ist Meinungsbildung ein Produkt unterschiedlicher Prägungen. Dafür sind zum Beispiel Eltern, Freunde, Massenmedien, unmittelbare »Role Models« und die Schule verantwortlich. Je mehr diese Faktoren Kinder positiv beeinflussen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich zu aufgeschlossenen und weltoffenen Personen entwickeln. Kinder suchen sich meist nicht bewusst aus, mit wem sie sich anfreunden. oft sind es Gleichaltrige aus der Schule oder demselben Grätzel, die unter ähnlichen Bedingungen leben. Kindern die »richtigen« Freunde vorzuschreiben ist sicher nicht förderlich, zumal jeder junge Mensch sich ja weiterentwickelt und wir nie genau wissen können, wie die Freunde unserer Kinder wirklich sind. Die Massenmedien zu beeinflussen ist wohl auch illusorisch. Also bleibt uns noch die Schulbildung und idealerweise die Unterstützung der Eltern.

Wir haben keine andere Wahl, als alles dafür zu tun, um jedem Kind Werte zu vermitteln, mit denen es grundsätzlich Respekt für jeden Menschen entwickelt und lernt, Einflüsse von außen so zu filtern, dass es diesen Respekt auch langfristig nicht verliert.

Das wäre ein erster Schritt, mit dem wir Vielfalt in unserer Gesellschaft nachhaltig schätzen lernen könnten. Die Geschichte hat gezeigt, dass wir uns nur dann als Gesellschaft weiterentwickeln, wenn wir die Vorteile von Vielfalt erkennen und nicht separatistisch agieren. Es wird immer chauvinistische Kräfte geben, die dagegen arbeiten. Es ist die Aufgabe jedes Einzelnen, dagegen anzukämpfen und mit aller Macht jeder neuen Generation Werte zu vermitteln, die uns als Individuen stärken und uns als Gesellschaft, die von soziokultureller Vielfalt geprägt ist, stärker zusammenschweißen, ungeachtet der nationalen Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit.

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Umut Dağ begann 2006 mit dem Regiestudium an der Filmakademie Wien bei Peter Patzak und Michael Haneke. 2011 gewann er mit „Papa“ den First Steps Award. Sein Spielfilm-Debüt „Kuma“ eröffnete die Reihe Panorama auf der Berlinale 2012, gewann international mehrere Preise und lief in vielen Ländern weltweit regulär im Kino. www.umutdag.at

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