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Diversity

Diversity im Dissens

Catrin Seefranz

Im Text »Africans in Academia« reflektiert die Theoretikerin und Schriftstellerin Grada Kilomba die Positionierung, Marginalisierung und Delegitimierung schwarzer WissenschaftlerInnen im akademischen Feld, »not only a space of knowledge and wisdom, of science and scholarship, but also a space of violence«.(1) Ein Raum, wo »we were made inferior, our bodies described, classified, dehumanized, primitivized, brutalized and even killed«.(2)


Ein Raum, wo eine »violent colonial hierarchy« auf subtile Weise fortgeschrieben wird, die die minorisierten Subjekte auf ihr Terrain verweist, »outside academia, where our bodies are at home«.(3) Kilombas Reflexion, die für das »decolonizing of scholarship« plädiert, hat den Untertitel »Diversity in Adversity«. Diese Adversity(4), diese vieldeutige Widrigkeit, taucht selten auf in den Diskursen und Politiken von Diversity, die vielmehr als »technology of happiness«(5) fungiert. Eine happiness, die in den stark visuell operierenden Diversity-Diskursen demonstrativ zur Schau gestellt wird, die paradiesische Vielfalt feiernd, die nicht nur in Amazonien reiche Ressourcen verspricht. Aus diesen Tableaus der Inklusion, die strategisch repräsentable RepräsentantInnen versammeln, die die Diversität auch verkörpern(6), lächelt penetrant das Glück der gelungenen sozialen Kohäsion, die ein virtuoses Management von Differenz hervorzubringen vermag. Im Widerspruch zu dieser inszenierten »diversity pride«(7) werden von einer vielfältig engagierten, etwa postkolonial, queer, feministisch oder antirassistisch informierten Theorie Paradigma und Politik der Diversity beharrlicher Kritik unterzogen.

Die hier exemplarisch vorgestellten, durchaus unterschiedlichen Positionen dürften zumindest darin übereinstimmen, dass »Diversity nicht per se eine transformierende Kraft zugeschrieben werden kann«.(8) Relevant für die kritische Evaluierung von Diversity gerade auch in Bildung und Kultur ist aus meiner Sicht eine Perspektive, die sich um eine Situierung dieser zum staatlichen Imperativ gewordenen managerialen Strategie in aktuellen Produktions- und Konsumverhältnissen bemüht. Diversity wird von TheoretikerInnen wie Antke Engel oder Kien Nghi Ha als »flexible und zielgruppenorientierte Politik der gleichzeitigen Ein- und Ausgrenzung«(9) beschrieben, die der postfordistischen »Differenzkonsummaschine« (Mark Terkessidis) zuarbeitet. In dieser neu und neoliberal formierten Herrschaft dominiert die Regulierung von Differenz, in die Individuen, ob majoritär oder minoritär, investieren müssen. Engel beschreibt, wie Diversity-Politik das Individuum adressiert, das sich dem neuen Imperativ der »projektiven Integration«(10) unterwirft: »Mittels Normalisierungsprozessen wird Differenz in die Norm integriert, so dass Bilder hybrider, flexibler und ambivalenter Identitäten entstehen, die als Inbegriff erfolgreicher, kreativer Individualität projektiv aufgeladen werden. Sie sind deshalb attraktiv, weil sie Differenz als Besonderheit, aber eben nicht als das ganz andere inszenieren.«(11)

Dem auf der Spur, »what diversity does by focusing on what diversity obscures«,(12) weist Ahmed nach, dass institutionelle Diskriminierung und Rassismus verdeckt und Verantwortung verschoben wird: »Diversity is exercised as a repair narrative in the context of institutions: a way of recentering whiteness whether as the subject of injury who must be protected or as a subject whose generosity is ›behind‹ our arrival.«(13) Die institutionelle Praxis tendiert dazu, mit der »Macht des Einbezugs«(14) Hegemonialität durch eine patriarchale Geste des Gebens von Gerechtigkeit(15) auszuweiten und die »hegemoniale Dividende«(16) abzukassieren. Und damit Marginalisierte zu entmachten: »The concentration on inclusion means solidarity with ›mainstream‹, instead of solidarity with the marginalized groups, which should serve as a basis to expose mechanisms of exclusion and create possibilities for change.«(17)

Diesen Effekten muss auch eine Reflexion über die starke Resonanz, die Diversity in den Feldern Kultur und Bildung findet, nachgehen. Gerade in Kontexten, in denen jahrzehntelang in Diversifizierung investiert wurde, findet aktuell eine überaus kritische Bilanzierung(18) statt, die Politik und Praxis der Diversity mithin komplett desavouiert: »cultural diversity initiatives within the visual arts sector have arguably exacerbated, rather than confronted, exclusionary pathologies of the art world. They have compounded the problems of tokenism and racial separation within the arts sector.«(19) Die weniger vehemente These, dass »the implementation practices aimed at increasing equality and diversity were used to contain and manage the risk of external challenge to the core«(20), weist darauf hin, dass sich kulturelle Hegemonie durch die Inklusion der immer als kulturfern(er) imaginierten »Space Invaders«(21) reproduziert. Die Kolonialität dieser Adressierung diverser Subjekte, die das kulturelle und edukative Feld jahrhundertelang eingeübt haben, als KollaborateurInnen bei Konstruktion und Kontrolle der anderen ist evident. Ebenso der Konnex zwischen Diversifizierung, De-Regulierung und Prekarisierung, die alle mit der Logik des Potenzials und dem Zauber der Kreativität operieren, die Kunst, Kultur und Bildung paradigmatisch formuliert haben, als Komplizen des kognitiven Kapitalismus (mit dem Effekt einer fragwürdigen narzisstischen Aufwertung der Felder). Die durch Diversity Management inkludierten Subjekte sind jene, die deregulierten und prekären Arbeitsverhältnissen zuallererst ausgesetzt sind. Die im endemisch prekären Kultur- und auch Bildungsbereich raren regulären Positionen sind vorwiegend von der dominanten Mehrheit besetzt, die sich diverse Subjekte dann punktuell oder projektweise holt. Angesichts der Verwicklungen der Felder Kultur und Bildung in (neo-)koloniale Ökonomien des kognitiven Kapitalismus wäre unter dem Motto und mit den Mitteln von Diversity keine Apologie der Inklusion von Ausgeschlossenen zu leisten, sondern die Auseinandersetzung mit den machtvollen Ein- und Ausschlüssen, die eine Umverteilung von Ressourcen und eine Verschiebung von politischen, epistemischen und ästhetischen Verhältnissen verhindern. Transformierende Kraft kann Diversity-Politik aus meiner Sicht nur entwickeln, wenn sie sich primär mit Homogenität befasst, mit hegemonialer Selbstnormalisierung oder »institutional whiteness«; wenn sie nicht in die Ausstellung von Vielfalt, sondern in die Darstellung von Dominanz investiert; wenn sie das eigene institutionelle oder individuelle Begehren nach Diversität selbstkritisch reflektiert und mit dominanten Regierungsformen in Verbindung bringt; wenn Diversity Dissens produziert.

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Catrin Seefranz ist Kulturwissenschaftlerin und Lateinamerikanistin, arbeitet am Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste und forscht zu „Ungleichheit im Feld der Kunsthochschule“ sowie an einer de-kolonialen und historischen Perspektive auf Praxen künstlerischer Forschung und Vermittlung, v.a. im brasilianischen Modernismus.

[1] Grada Kilomba: Africans in Academia. Diversity in Adversity, in: Pambazuka News 317 (2007), S. 303.

[2] Ebd., S 300.

3 Ebd., S. 303.

4 Adversity wird gemeinhin mit Not oder Missgeschick übersetzt; Widrigkeit hat aus meiner Sicht aber die Konnotation des Widersetzlichen.

5 Sara Ahmed: on Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life, Durham: Duke University Press 2012, S. 153.

6 »Diversity has come overwhelmingly to mean the inclusion of people who look different«, schreibt Nirmal Puwar in Space Invaders. Race, Gender and Bodies out of Place, Oxford/New York: Berg 2004, S. 1.

[7] Sara Ahmed, Shona Hunter, Sevgi Kilic et al.: Race, Diversity and leadership in the learning and Skills Sector. Final Report, london, S. 33 ff.

[8] Maria Do Mar Castro varela: Un-Sinn. Postkoloniale Theorie und Diversity, in: Fabian Kessl/Melanie Plößer (Hg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S. 249.

[9] Kien Nghi Ha: Hype um Hybrität. Kutureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechnicken im Spätkapitalismus, Bielefeld: transcript 2005, S. 59.

[10] Antke Engel: Bilder von Sexualität und Ökonomie, Queere kulturelle Politiken im Neoliberalismus. Bielefeld: transcript 2009, S. 42.

[11] Ebd., S. 55.

[12] Ahmed, »on Being Included« (wie Anm. 5), S. 14.

[13] Ebd., S. 168.

[14] Paul Mecheril: Diversity. Die Macht des Einbezugs, in: Managing Diversity, hg. von der Heinrich Böll Stiftung, Bonn 2007, o.S.

[15] In dem für das Thema wichtigen Band Soziale Ungerechtigkeit (2011) finden sich auch kritische dekoloniale Analysen von universalisierten Paradigmen wie Gerechtigkeit.

[16] Maureen Maisha Eggers: Anerkennung und Illegitimierung. Diversität als marktförmige Regulierung von Differenzmarkierungen, in: Anne Broden/Paul Mecheril (Hg.): Rassismus bildet, Bielefeld: transcript 2010, S. 59.

[17] Marissa lôbo/Andreas Görg: Trying to subvert the concepts, in: European Festival of Diversities and Antidiscrimination, Bologna 2009, o.S.

[18] Relevant ist v.a. der Report von Third Text, Beyond Cultural Diversity. The Case for Creativity, hg. von Richard Appignanesi, London 2011.

[19] Richard Hylton: The Nature of the Beast, Bath: ICIA 2007, S. 84.

[20] Andrew Dewdney/David Dibosa/Victoria Walsh: Cultural Inequality, Multicultural Nationalism and Global Diversity, in: Beyond Cultural Diversity (wie Anm. 18), S. 82.

[21] Puwar, Space Invaders (wie Anm. 6).

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